Hohe Wahlbeteiligung, Ablehnung der Rechtsextremen: Dies ist bei uns in Amerika die große Geschichte aus Europa. Doch nicht der gesamte Alte Kontinent schreibt sie, sondern allein die Ukraine. Im restlichen Europa waren an diesem Wahlwochenende die Populisten erfolgreich. Sie konnten viele jener 43 Prozent Wähler gewinnen, die sich bequemten, ihre Stimme für das Europaparlament abzugeben. Die unterschiedlichen Voten erscheinen logisch: In der Ukraine hatten die Bürger ein Gespür für die Bedeutung der Wahl und dafür, dass sie mit ihrer Stimme den Ausgang der Krise beeinflussen könnten. Für sie war es kein Augenblick für eine Protestwahl. Anders im übrigen Europa: Dort ist die Krise chronisch, Ausdruck des Stillstands von Nationen, die vergreisen – in jeder Bedeutung dieses Wortes. Die Stimme abzugeben für ein entferntes, ziemlich machtloses Europäisches Parlament war eine Gelegenheit, sich über diesen Schlamassel zu beklagen, ohne ihn ernsthaft angehen zu müssen.

Die meisten Länder Europas kämpfen mit hoher Arbeitslosigkeit. Gleichwohl empfiehlt Deutschland, der finanziell starke Mann des Kontinents, nach wie vor bloß: Schnallt den Gürtel enger. Und, ach, macht es euch etwas aus, um einen Job mit einem Rumänen zu wetteifern, der für weniger Geld arbeiten würde?

Derweil hat die Ukrainekrise die Europäische Union als einen Schwächling bloßgestellt, der unfähig ist, ohne Amerikas Hilfe ernsthaften Bedrohungen die Stirn zu bieten.

Stagnation, Einwanderung, Bedeutungsverlust und das Gefühl, dass Politiker realitätsfremd sind – dieses Gemisch ist überall auf der Welt das Rezept für rechtsextremen Populismus. Wir in den USA haben das jüngst mit der Tea-Party-Bewegung ebenso erfahren. Nichtsdestoweniger haben Europas etablierte Parteien die Wahl am Sonntag gewonnen. Verdient oder nicht – nun haben sie noch einmal die Chance, zu beweisen, dass dieses Gebilde namens Europäische Union tatsächlich den einzelnen Menschen zugute kommt und nicht nur den Bürokraten.

Aus dem Englischen von Martin Klingst