Das Drama Europas und die eigentliche Bedrohung seiner Zukunft liegen nicht allein in der Existenz von Beppe Grillo, Marine Le Pen und der bunten Schar von Europhobikern begründet. Das Drama liegt vielmehr in der geistigen und politischen Verwirrung vieler europäischer Intellektueller. Ich finde keine andere Erklärung für die "antideutsche" Argumentation des französischen Anthropologen und Historikers Emmanuel Todd.

In seiner Auslotung des aktuellen historisch-geistigen Zustands Europas fehlt jeder Hinweis auf die kosmopolitische und weltgeschichtliche Bedeutung der deutschen Wende von 1989: auf jene friedliche Revolution, die nicht nur vielen europäischen Ländern Freiheit und Souveränität gebracht hat, sondern die buchstäblich auch das Schicksal der globalen Welt selbst beeinflusste.

Emmanuel Todd beschuldigt "Mitterrand und die anderen Idioten, die ihn berieten", die Einführung des Euro akzeptiert zu haben, und macht sie für die aktuelle Krise in Europa verantwortlich. Er behauptet, dass "die Entstehung der Massengesellschaft" uns viele Jahre an die Konvergenz der Nationen habe glauben lassen und das europäische Projekt diesem Glauben entsprungen sei. Und offenbar hat er völlig vergessen, dass dies eine Antwort auf die blutigen Erfahrungen des "europäischen Bürgerkrieges" gewesen ist.

Todds Äußerungen sind voller Widersprüche: Erst wettert er mit blinder Wut gegen den "hegemonialen Anspruch" Deutschlands, dann gelangt er zu dem Schluss, dass es die globalen Bedingungen des Welthandels gewesen seien, die zu einem ökonomischen Kriegszustand geführt hätten, der die Nationen in starke und schwache aufgespalten und Europa eine neue Hierarchie aufgezwängt habe – dieses aber nicht der Fehler Deutschlands sei. Dann bezichtigt er Deutschland, eine patriarchalische und chauvinistische Gesellschaft zu sein, wobei es schwerfällt, zu glauben, dass Frauen und Homosexuelle in den französischen Banlieues mehr Rechte haben sollen als jene in Berlin, München oder Hamburg. Und wenn Todd die Deindustrialisierung als Phänomen der Modernisierung ausmacht und Deutschland als unmodern bezeichnet, weil es sich nie deindustrialisiert habe, dann vergisst er, dass genau dies das positive Merkmal jenes sozioökonomischen Modells ist, das der Ökonom Michel Albert Rheinischen Kapitalismus genannt hat.

Wenn er Deutschland schließlich als eine "technische Gesellschaft" bezeichnet, die "etwas Mechanisches" an sich habe, verwendet er Begriffe, die ihren Ursprung in der wilhelminischen Kulturkritik haben. Er bedient sich der am häufigsten missbrauchten Topoi, die von der umstrittenen Gegenüberstellung von Kultur und Zivilisation geprägt waren. In diesem Punkt ist die Enttäuschung des Lesers über Todds Argumentation am größten.

Natürlich ist es zu einfach, einen so scharfen Kritiker wie Todd daran zu erinnern, dass nicht alle Franzosen seiner Meinung sind und dass ein großer Anthropologe wie René Girard festgestellt hat, dass es in Frankreich bis heute keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg gegeben hat. Stattdessen, davon war Girard überzeugt, müssten die Franzosen lernen, die eigene Geschichte aus deutscher Sicht zu betrachten.

Oder nehmen wir einen Intellektuellen und Politiker wie Robert Badinter, dessen Vater im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde und der sich die Frage gestellt hat, "ob wir Europäer alle meschugge geworden" seien. Badinter musste seinen Blick auf Deutschland korrigieren, als er erkannte, "dass wir aus demselben Prägestock kommen: dem Selbstmord von 1914, den beiden Weltkriegen". Oder nehmen wir Alain Minc, dessen Großeltern Holocaust-Opfer waren. In seiner jüngst erschienenen Streitschrift Vive l’Allemagne behauptet er, Deutschland sei das demokratischste und gesündeste Land Europas.

Doch all dies ist nicht ausreichend. Die überzeugten Europäer müssen endlich aus ihrer Lethargie erwachen, in die sie offenbar gefallen sind. Sie müssen das geopolitische und geistige Potenzial des "Projekts Europa" zu neuem Leben erwecken.

Und sie müssen sich fragen, ob die Euro-Krise, anders als gemeinhin behauptet wird, sie nicht einander nähergebracht hat. Heute erwachsen die Herausforderungen für Europa nicht mehr aus der Vergangenheit, sondern aus der Wirtschaft, der Demografie und aus den aktuellen diplomatischen Aufgaben. Und sie erwachsen aus dem radikalen Dissens zwischen Europa und den USA zu bestimmten Aspekten des Freihandelsabkommens.