Am Tag nach der Europawahl, in der – zum ersten Mal – der rechtsradikale Front National (FN) mit 25 Prozent der Stimmen eine landesweite Wahl in Frankreich gewonnen hat, kommt ein Besucher in die Lobby-Halle der linken Pariser Tageszeitung Libération. Sagt der Besucher: "Trauriger Tag heute." Antwortet der Lobby-Angestellte: "Ja, schlechtes Wetter draußen."

So ist es eben, wenn’s regnet. Ein Wahlsieg der Rechtsradikalen hingegen, na ja. Für viele Franzosen gibt es nichts Normaleres. Und Libération ist schon lange kein Kampfblatt mehr. Am Montag machte die Zeitung mit einem neutralen Titel auf.

Das war nicht immer so. Als im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen am 21. April 2002 der damalige Spitzenkandidat des Front National, sein Gründer Jean-Marie Le Pen, als Zweiter durchs Ziel ging und damit den Sprung in den zweiten Wahlgang schaffte, bäumte sich das Land auf. Überall demonstrierte die Jugend gegen Le Pen, und auf der Titelseite von Libération prangten am Tag nach der Wahl nur drei Buchstaben: NON. Nein zu den Rechtsextremisten! Keiner sagt das heute mehr. Ist das bestürzend? Oui.

Zwar gab es von politischer Seite durchaus Bekundungen des Bedauerns. "Schock", "Erdbeben". Das waren die ersten Worte, die Frankreichs seit zwei Monaten regierender Premierminister Manuel Valls für den Wahlausgang fand. Doch dann sagte er, seine Regierung werde weitermachen wie bisher, es gebe keine andere Wahl. Das Gleiche versicherte sein Chef, Präsident François Hollande, den Franzosen am Montagabend in einer kurzen Fernsehansprache.

In dieser Unaufgeregtheit nach der Wahl liegt das Beunruhigende des außergewöhnlichen Wahlergebnisses in Frankreich. Der politische Betrieb läuft einfach weiter. Insofern wird die Wahlsiegerin Marine Le Pen, die von ihrem Vater Jean-Marie 2011 die Führung des Front National übernahm, niemanden mehr überraschen können, sollte sie im Jahr 2017 in den zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen gelangen. Überraschen könnte sie nur noch, würde sie den auch gewinnen – dann beträte Europa wahrlich unkartiertes Terrain.

Gewiss, das ist unwahrscheinlich. Aber dass die rechtsradikale Siegerin ausgerechnet in der neben Deutschland wichtigsten Nation Europas ihren Schatten über die Politik legen, sie lähmen oder gar dauerhaft in ihre Richtung beeinflussen könnte, allein das schon ist eine alarmierende Vorstellung. Nur offenbar nicht in Frankreich. Dort legt Le Pen nun schon über Jahre ein politisches Meisterwerk ab, die Normalisierung des Rechtsradikalismus.

Sie hat Piketty gelesen. Seiner Analyse stimmt sie zu

Lakonisch kurz hält sie am Sonntag in ihrer bescheidenen Parteizentrale in einer kleinbürgerlichen Pariser Vorstadt ihre Siegeserklärung. Man befinde sich auf "dem Freiheitsmarsch zur Wiedererlangung unserer Souveränität". Wenige Sätze, ohne Ecken und Kanten. Sie will sich ihren bislang größten Wahlsieg nicht durch unnötige Polemik verderben. Das zeigte sich auch schon ein paar Tage zuvor. In der normannischen Hafenstadt Le Havre gab sie vergangene Woche ihre letzte öffentliche Wahlveranstaltung vor der Abstimmung. Das Publikum trat mit Trikoloren an, es hätte gern gejauchzt, gebuht, gegrölt. Doch nichts da: Vor ihm stand eine Stunde lang eine strenge Lehrerin, die nicht einmal Zwischenapplaus duldete. Stattdessen dozierte Le Pen über die Übel der Globalisierung und über die Zustände in Griechenland, China und Bangladesch, die man sich keinesfalls für Frankreich wünschen dürfe. Sie sprach auch über die globale Umweltkrise. Die sonst üblichen Seitenhiebe auf Ausländer, Sinti und Roma fehlten in dieser Rede. Das kann sie jetzt eben auch.