In ihrer jüngeren, durchaus leidvollen Geschichte hat die SPD eine Methode entwickelt, wie sie Wahlabende im Willy-Brandt-Haus einigermaßen erträglich hinter sich bringt. In einem ersten Schritt entladen Anhänger und Angestellte mitgebrachte, vom Ergebnis entkoppelte Jubelbereitschaft in immer neuen Klatschwellen und Fangesängen. Im zweiten Schritt beschwört der Parteichef dann einen kleinen Teil der Wirklichkeit, nämlich den, der am angenehmsten ist – und das so lange, bis alles wieder gut zu sein scheint. So wird aus einem mittelmäßigen Wahlergebnis von 27,3 Prozent "der größte Zugewinn bei einer deutschlandweiten Wahl"; aus einem Rückstand von acht Prozentpunkten zur Union ein "toller Abend für die SPD"; aus Martin Schulz, dem fünfsprachigen Wahlkämpfer mit "mehr als 200 Auftritten in 28 Ländern", ein Jacques-Delors-hafter Europäer, über den Gabriel sagt: "So was hab ich noch nie gesehen." Und: "Martin, wir sind stolz, dass du einer von uns bist!"

Und dann darf der SPD-Delors nach einem historischen Abend noch nicht mal der neue Barroso werden? Es wird ein wenig dauern, bis die Genossen das schlucken.

Den Sozialdemokraten fällt es noch schwer, öffentlich einzuräumen, was sie sich intern schon eingestehen: Für Martin Schulz führt kein Weg an die Spitze der EU-Kommission. Zu deutlich ist der Vorsprung seines konservativen Kontrahenten Jean-Claude Juncker, zu lautstark haben sich die Genossen im Wahlkampf von Populisten und Extremisten distanziert, um jetzt ihren Mann mit deren Hilfe doch noch durchdrücken zu können. Klar ist aber auch: Ohne die Stimmen der Sozialdemokraten findet niemand eine Mehrheit im EU-Parlament. Schulz und Gabriel haben daher umgeschaltet. Es geht ihnen jetzt darum, jenes Kunststück zu wiederholen, das die SPD nach der letzten Bundestagswahl bereits erfolgreich aufgeführt hat: ein maues Wahlergebnis in einen politischen Sieg zu verwandeln.

Drei konkrete Ziele sind hierfür zu erreichen: die künftige Politik der EU mit einem Maximum an Sozialdemokratie aufladen. Schulz einen anderen zentralen EU-Posten besorgen. Und Merkel, der übermächtigen Kanzlerin, ein wenig am Lack kratzen. Doch zunächst einmal muss Gabriel ein Problem lösen, das er zu einem Großteil selbst verschuldet hat: Er muss seinen eigenen Leuten klarmachen, dass sie die Europawahl nicht gewonnen haben.

Am Tag nach der Wahl gibt Gabriel dem europäischen Erneuerer in sich weiter Zucker. Er hat bereits den gemeinsamen Spitzenkandidaten miterfunden und in der SPD durchgesetzt. Nun prescht er mit einer zweiten Neuerung vor: In Brüssel müsse ein politisches Programm verabredet, es müssten also Koalitionsverhandlungen geführt werden. Dazu waren Europas Parlamentarier nach Wahlen früher nie gekommen, weil sie vollauf damit beschäftigt waren, das Personal durchzuwinken, das die Regierungschefs ihnen vor die Nase gesetzt hatten. Jetzt gilt die Losung: kein Personal ohne Programm.

Zehn Punkte präsentierte Gabriel am Montag in Berlin. Vom Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit über eine striktere Verfolgung von Steuervergehen bis zu einer liberaleren Flüchtlingspolitik findet sich vieles, was Europas künftige Regierung selbst dann sozialdemokratisch-deutsch erscheinen ließe, wenn ein semikonservativer Luxemburger sie führte. Dass am Ende der Sozialdemokrat Schulz als Kommissar dieser Regierung angehören sollte und nicht mehr, wie bisher, der Christdemokrat Günther Oettinger, ist der zweite Preis, den die SPD für eine Unterstützung Junckers fordern wird.

Doch damit gibt sich Gabriel nicht zufrieden. Der Europapolitiker im SPD-Chef und (wahrscheinlich) nächsten Kanzlerkandidaten hat einen wunden Punkt bei einer schier unverwundbaren Beliebtheitskönigin entdeckt – und piesackt sie damit. Will Angela Merkel wirklich, dass ihre anständige CDU neben der Forza Italia des schmierigen Silvio Berlusconi in Brüssel in derselben Fraktion sitzt? Wo doch Berlusconi, woran Gabriel genüsslich erinnert, einen so antideutschen Wahlkampf geführt und die Kanzlerin persönlich beleidigt hat? Oder neben dieser unappetitlichen Fidesz des ungarischen Antieuropäers Viktor Orbán, eines Mannes, der Oppositionelle gängelt, die Presse verfolgt und mit nationalem Gerede Rechtsextreme stark macht? Will Merkel weiter mit denen gemeinsame Sache machen? "Zu sagen, das ist die Verwandtschaft, für die wir uns schämen, aber ansonsten sind wir eine tolle Truppe, das geht nicht", ätzt Gabriel. Das dürfte Schulz zwar nicht viel helfen, könnte Merkel aber schaden, imagemäßig.

Die Kanzlerin selbst hat durch eine kleine Geste deutlich gemacht, wie wichtig es ihr ist, wer unter ihr – und ein wenig auch unter den anderen Regierungschefs – künftig die Kommission leiten darf: Am Wahlabend blieb sie zu Hause. Schulz wollte sie nicht, das Problem hat sich gelöst. Und ob Juncker es wird, den sie eigentlich auch nicht will, muss sich erst noch zeigen. Schließlich sind ja mehrere Posten zu besetzen. In ein paar Monaten, im Herbst vielleicht, könnte ein Personalpaket geschnürt sein, wenn sich kaum noch einer daran erinnert, dass im Frühjahr gewählt wurde. Doch jetzt heißt es, ganz im Merkelschen Sinne, erst einmal: Lasst die Verwirrung beginnen!

Einer zeigt sich schon desorientiert, wie man am späten Wahlabend sah.