Melchior Moss war noch nicht lange Unternehmer, als er stolperte. Nicht über etwas Bürokratisches, sondern über eine Naht. Genauer: darüber, wie die von ihm verkauften Jacken und Hosen genäht waren. Unter dem Label Slowmo vertreibt Moss mit seiner Schwester Felicia Moss-Kraus Mode aus Deutschland. Die Jacken und Hosen sind "made in Berlin", das steht auch so dran. Doch die Nähte, die Melchior Moss auffielen, stammten nicht von seinen vier Näherinnen aus Berlin. "Eine Naht ist wie eine Handschrift", sagt der 30-Jährige. "Ich erkenne, wer das gemacht hat." Die Näherinnen hatten tatsächlich Teile an eine andere Produktionsstätte abgegeben.

Die Geschichte mit den Nähten würde sich bei einer Modekette wie Primark oder H&M wohl nicht ereignen. Rund 95 Prozent der in Deutschland verkauften Kleidung werden nicht hier hergestellt. Großkonzerne lassen meist dort produzieren, wo die Arbeitskraft billig ist, in China, Bangladesch und Indien. Dort entstehen Unmengen von Kleidungsstücken, die gerade modern sind. Deswegen haben Melchior Moss und seine Schwester Slowmo gegründet. "Wir wollen eine Alternative sein", sagt Moss.

Nach ihrem Modedesign-Studium wollte Felicia Moss-Kraus, 32, nachhaltige Kleidung designen, die trotzdem modern ist. Gemeinsam mit ihrem Bruder schaute sie sich den Modemarkt an. Der sagt: "Unternehmen wie Hessnatur waren Pioniere auf diesem Gebiet, sie haben eine wichtige Basis geschaffen. Den modischen Ansprüchen unserer Generation entspricht das aber nicht." Also gründeten die Geschwister 2005 Slowmo, eine Abkürzung für Slowmotion, Zeitlupe. Produziert werden die Sachen in Deutschland: Jacken und Hosen in Berlin, Jerseysachen wie T-Shirts in Sachsen und Strickwaren in Thüringen.

Die Zahl der nachhaltigen Modeunternehmen steigt, nicht nur hierzulande. Das britische Centre for Sustainable Fashion (Zentrum für nachhaltige Mode) sprach 2007 erstmals von Slow Fashion: langsamer Mode, bewusstem Konsum – im Gegensatz zu der Schnelllebigkeit, die Fußgängerzonen, Shoppingmalls und Kaufhäuser beherrscht.

Melchior Moss entspricht nicht unbedingt dem typischen Bild, das man von einem Unternehmer hat. Die Schule verließ er ohne Abschluss. Dafür reiste er viel. Unterwegs sah er, was es bedeutet, wenn Menschen unter schlechten Bedingungen arbeiten müssen und kaum Geld dafür bekommen. Er wollte es besser machen. 25.000 Euro Startkapital sammelten er und seine Schwester, dann begannen sie mit der ersten Kollektion. Inzwischen produziert Slowmo zwei Kollektionen im Jahr.

Moss lässt neben Leinen und Schafwolle auch Baumwolle verarbeiten, obwohl er das Garn kritisch sieht. "Baumwolle ist nicht mehr zeitgemäß", sagt er. Die Pflanzen sind sehr pflegeintensiv, sie brauchen viel Wasser und reifen nicht auf einmal, sondern nach und nach. Bei Biobaumwolle fallen die Pestizide weg, und die Pflanzen werden aufwendiger gewässert.

Zwei Mitarbeiter haben die Geschwister Moss, den Gründungskredit zahlen sie noch immer zurück. "Wir streben nicht nur nach dem finanziellen Erfolg", sagt Melchior Moss. "Bei einem schnellen Wachstum brechen auch schnell die Unternehmenswerte weg." Wenn man Kleidungsstücke günstiger machen will, muss man vor allem die Kosten für Material und Produktion drücken – und landet so schnell bei billigen Plastikfasern und in Textilfabriken in China oder Bangladesch. "Wenn wir in Portugal oder Rumänien produzieren lassen würden, wäre das mehr als die Hälfte günstiger", sagt Moss.

Einer, der in China produzieren lässt und trotzdem sagt, dass seine Mode "ethisch" sei, ist Jeremy Moon. Vor 20 Jahren gründete Moon Icebreaker, eine Outdoormarke, im vergangenen Jahr hat das Unternehmen 100 Millionen Euro Umsatz gemacht, das jährliche Wachstum liegt bei 20 Prozent.