Eine Übernahmewelle schwappt über Europa: Der US-Gigant General Electric greift nach dem französischen Alstom-Konzern, der amerikanische Pharmariese Pfizer versuchte sich – wenn auch erst einmal erfolglos – den britischen Rivalen AstraZeneca einzuverleiben. Allein in den ersten Monaten dieses Jahres haben dem Finanzdatendienst Dealogic zufolge US-Unternehmen mehr als 230 europäische Unternehmen aufgekauft. Die Übernahmen sind vor allem die Folge einer verlorenen Wette der US-Industrie auf eine Steuerreform: Viele Unternehmen hatten darauf gesetzt, ihre aufgelaufenen Auslandsgewinne – immerhin zwei Billionen Dollar – mit einem geringen Abschlag in die Heimat zurückführen zu können. Nach geltendem amerikanischen Recht müssen sie Gewinne bislang mit 35 Prozent versteuern. Präsident Barack Obama hatte mehrfach eine Reform versprochen. Doch seine Pläne scheiterten am Widerstand der Republikaner.

Die Manager der Unternehmen stehen nun unter dem Druck der Aktionäre. Die erwarten, dass sie die Milliardenreserven entweder ausgeschüttet bekommen oder dass die Unternehmensführungen sie kurssteigernd investieren – und das tun die Manager jetzt besonders gern in Europa. Während Investitionen in Schwellenländern in der Regel riskant sind, können sich die US-Aufkäufer in Europa auf Rechtssicherheit und politische Stabilität verlassen. Darüber hinaus bietet der alte Kontinent einen enormen Vorteil gegenüber den USA: niedrige Steuern. In den USA liegt der Steuersatz für Unternehmensgewinne zusammen mit Abgaben an die Bundesstaaten bei gut 39 Prozent. Großbritannien etwa hat dagegen einen Steuersatz von nur knapp über 20 Prozent.

Der Pharmakonzern Pfizer wollte sich diesen Umstand in großem Stil zunutze machen. Das US-Unternehmen plante, eine spezielle Holding zu gründen und deren Sitz nach London zu verlegen. Dadurch hätte der Konzern Hunderte Millionen Dollar sparen können. Dass das nun nicht zustande kommt, liegt an AstraZeneca: Die Briten haben das Angebot abgelehnt. Großinvestoren drängen jedoch zu neuen Gesprächen. Andere US-Konzerne sind schon in Europas Steuerhafen eingelaufen: Der Bananen-Multi Chiquita etwa hat durch eine Fusion mit dem Rivalen Fyffes den Sitz offiziell nach Irland verlegt. Mit 12,5 Prozent Abgaben für Unternehmen gehört die Insel selbst im europäischen Vergleich zu den Niedrigsteuerländern.

Möglich ist die Steuerflucht aus den USA via Unternehmenshochzeit durch die sogenannte Inversion. Dabei kann das US-Unternehmen seinen Sitz legal ins Ausland verlegen, wenn bei einer Fusion mindestens 20 Prozent der Anteile an den ausländischen Partner gehen. Bisher hatten sich Unternehmen gescheut, dieses in der Heimat unpopuläre Steuersparmodell zu nutzen. Sie warteten ab, ob Präsident Obama sein Steuersenkungsversprechen wahr machen würde. Noch im vergangenen Sommer stellte er seinen Plan vor, den Unternehmenssteuersatz auf 28 Prozent zu senken. Produktionsbetriebe sollten sogar nur 25 Prozent auf Gewinne zahlen. Im Gegenzug sollten die Multis eine Abgabe auf ihre Auslandsgewinne an den amerikanischen Fiskus überweisen.

Besonders wichtig für Unternehmen wie etwa Apple, das mehr als 50 Milliarden Dollar im Ausland geparkt hat: In Verbindung mit der Reform sollte es auch einen Rabatt für die Rückholung von bereits aufgelaufenem Auslandskapital geben. Eine solche "Amnestie" hatte es bereits 2004 gegeben. Das Kalkül des Präsidenten: Er würde sich als wirtschaftsfreundlich präsentieren und gleichzeitig Mittel für populäre Maßnahmen wie Infrastruktur und Arbeitsmarktförderung erhalten. Doch die Republikaner wollten einer Unternehmenssteuerreform nur zustimmen, wenn auch das private Steuersystem überholt würde. Die Reform scheiterte.

Das Gezerre zwischen Washington und Europa zeigt, wie schwierig es ist, international organisierte Steuervermeidung zu erschweren. Das hatten sich vor fünf Jahren, noch während der Finanzkrise, die führenden 20 Wirtschaftsnationen (G 20) zum Ziel gesetzt. Passiert ist bisher allerdings nicht viel. Zwar hat die OECD einen Aktionsplan gegen Steuererosion vorgeschlagen, dem die G 20 zugestimmt hat und den sie bis 2015 umsetzen will. Doch die Armutsbekämpfungsorganisation Oxfam warnte Anfang Mai, dass Lobbyisten der Industrie dabei seien, den Aktionsplan noch vor dem Start zu unterminieren. "Internationale Steuerflüchtlinge müssen sich keine Sorgen über die globale Steuerreform machen", so das Fazit von Oxfam.