Das Herz der neuen Hanse hat graues Haar, ein jugendliches Gesicht voller Lachfalten und den Spitznamen "Mama Hanse". Inger Harlevi, 65 Jahre alt und mit den fein gegerbten Zügen einer Insulanerin, sitzt in quietschgrüner Kleidung im Roten Saal des Lübecker Rathauses und erklärt, warum ein alter, verstaubter Bund die Zukunft einer Region mit 20 Millionen Menschen sein kann. Hinter ihr hängt – ausgerechnet – ein monumentales Ölgemälde, das die Seeschlacht der Lübecker bei Gotland, Harlevis Heimat, im Jahre 1564 darstellt. Eingefangen ist jener Moment, in dem die Besatzung des Lübecker Schiffs ein schwedisches Schiff entert. Wenn Harlevi den Kopf streckt, sieht es aus, als tobte die Seeschlacht auf ihrem Haar.

Angesichts dieser Szene aus der dunklen Historie des Kampfs um Macht und Handelsfreiheit im Ostseeraum kann sich Harlevi eine bissige Bemerkung nicht verkneifen. "Frau und Schwedin, das wäre vor ein paar Hundert Jahren noch das absolute Ausschlusskriterium gewesen", frotzelt sie in schwedisch eingefärbtem Deutsch und gibt dem neben ihr sitzenden Lübecker Bürgermeister Bernd Saxe einen vergnügten Klaps auf die Schulter. Der kontert mit der Bemerkung, dass es deshalb für Harlevi auch keinen anständigen Titel gebe. "Stellvertretende Vorfrau der Hanse, das hört sich ziemlich seltsam an."

Hanse? Jener Zusammenschluss aus Kaufleuten, der sich vor fast einem halben Jahrtausend still und heimlich im Nichts auflöste? Dessen Name immer dann bemüht wird, wenn man Vergangenheitsverklärung für gegenwärtiges Renommee braucht: auf Autokennzeichen, als Biermarke, für Versicherungsnamen und Titel für Sportvereine? Längst schien diese Organisation verbannt in Museen, doch nun behaupten in Lübeck Bernd Saxe, erster Vormann des neuen Städtebunds Hanse und seine Vizepräsidentin Inger Harlevi: Die Hanse lebt. Sie boomt. Sie ist das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Sie ist das ultimative Tourismuskonzept.

Die Hanse von heute ist Hoffnungsträger, Vorbild, Integrationskonzept. Jene mittelalterliche Idee von globalem Handel, von grenzübergreifender Kooperation und gegenseitiger Unterstützung, die die Keimzelle der Europäischen Union gewesen sei, sei auferstanden, die neue Hanse stehe der EU als Partner zur Seite, sagen ihre Vertreter. Mehr noch: Als freier Bund könne sie Dinge leisten, die die Politik nicht bieten kann.

Ja, kann man das denn glauben, was da am vergangenen Wochenende anlässlich der 34. Hansetage in Lübeck an verstaubten Werten wie Ehre, Anstand, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Toleranz wieder gefeiert wurde, als handle es sich um die Zauberformel der Neuzeit? Ist die neue Hanse mit ihren alten Werten womöglich eine Art Wundermittel?

Die Hanseaten kommen aus 122 Städten in 16 Ländern

Ein Besuch in Lübeck, auf den 34. Hansetagen. Drei Tage lang amüsieren sich Hanseaten und Touristen zwischen Schmalzgebäck und Spanferkel. Historische Koggen spielen Seeschlachten nach, Stadtführer schleifen Gruppen auf den Spuren der alten Hanse durch die Stiftungshöfe. Die Türme der Kirche St. Marien ragen stolz in den Himmel, als seien sie noch immer Ausdruck der Macht und des Reichtums der Bürgerschaft.

Ausgerechnet in Lübeck, das einst Königin der Hanse war und heute hoch verschuldet seine Probleme kaum lösen kann, soll ein privatwirtschaftliches Bündnis gefestigt werden, das wächst und wächst und sich inzwischen sogar zutraut, der Druckverband auf Europas Wunden zu sein.

Ja, man darf es ruhig glauben, wenn man Björn Pétursson aus der fernsten Hansestadt, Hafnarfjördur auf Island, trifft.

Oder Olga Popova aus der einstmals reichen und nun abgehängten Hansestadt Nowgorod.

Oder Jochen Hufschmidt aus der kleinsten Hansestadt Werben.

Alle drei sind zu den Hansetagen nach Lübeck gekommen und mit ihnen 1600 Delegierte aus 122 Städten und 16 Ländern, die in die neue Hanse so große Hoffnungen setzen, als hätten sich nun endlich Macht und Größe der einstigen Hanse wie ein lang eingesperrter Geist aus der Flasche befreit.