"Hurra, hurra, die Leipziger sind da!" So schallte es durch Recklinghausen, im tiefsten Ruhrpott, wo jedes Jahr die Ruhrfestspiele stattfinden. Dieses Jahr gab’s eine Premiere von Sebastian Hartmann, der ja fünf Jahre lang Intendant des Centraltheaters in Leipzig gewesen war.

In diesen Tagen wird wieder viel spekuliert über das Defizit, das er angeblich in L. hinterlassen hat. Geklärt ist da aber noch nichts. Sehr undurchsichtig das Ganze. Ist ein angeblich versprochener und nicht eingelöster wirtschaftlicher Überschuss gleich ein Minus? Erschließt sich mir nicht. Und inwieweit sind Instandhaltungskosten des Hauses, die zu begleichen ja für die nächsten Jahre förderlich sein sollte, auch im angeblichen Minus drin? Da muss ich auch ehrlich sagen: All das ist mir scheißegal. In Hartmanns fünf Jahren, so sehe ich das, waren hier die Fenster offen. Das Stadttheater war im Fokus der Öffentlichkeit. Regional und überregional. Künstlerisch wurde was bewegt; kontroverse und intellektuelle Herausforderungen sind mir lieber als künstlerische Hausmannskost oder Stillstand. Und diese Herausforderungen fehlen mir in L. zurzeit. Und so fahren wir Centraltheater-Freunde unserem alten Ensemble hinterher.

Auch wenn das schon kolportiert wurde – einen Fanbus haben wir nicht. Wir sehnen uns nach Avantgarde, nach Experimenten, nach dem Ausloten der Möglichkeiten in der Bühnenkunst. Sind schon in Berlin gewesen in den letzten Monaten, in Frankfurt, in Hannover, in München, und wenn der Meister, also Hartmann, inszeniert, sind wir auf jeden Fall dabei.

Und in Recklinghausen spürten wir im Vorfeld, beim Vorglühen, dass der Ruhrpottler dem Sachsen gar nicht so unähnlich ist. Kneipen wurden ausgetestet. Mit dem Festivaldirektor wurde ein Bier getrunken, und selbst als am Ende von Hartmanns Sean-O’Casey-Version der Saal doch recht leer war, war man sich (auch im Feuilleton) einig uneinig: Das war ein irres Ding! Man darf doch in unseren Zeiten nicht den Konsens suchen. Schwitzend stiegen wir vor der Vorstellung den Festivalhügel empor. "Hurra, Hurra, die Leipziger sind da!" Spaß hat’s gemacht. Reißt doch wieder die Fenster auf in L.!