Ehrfürchtiger Beifall brandet auf, sie gilt einem 92-Jährigen, der auf der Bühne des Münchner Residenztheaters gleich einen seiner unvergesslichen Auftritte hinlegen wird. Rolf Boysen, dieses Monument unter den großen deutschen Schauspielern nach 1945, las hier 2012 Schauergeschichten von Edgar Allan Poe und Nikolaj Gogol, vor ausverkauftem Saal, wie üblich bei seinen Lesungen, die in Boysens späten Jahren zu legendären Ereignissen des Münchner Kulturlebens wurden. In Liveaufnahmen können wir nun auch diesen Auftritten Boysens lauschen, die seine letzten werden sollten; am 16. Mai ist er, 94-jährig, gestorben.

Boysens Bühnenlaufbahn war beeindruckend; der gebürtige Flensburger lernte vor allem unter dem Regisseur Fritz Kortner, spielte in München, dann zehn Jahre lang am Schauspielhaus in Hamburg, bevor er 1978 wieder nach München an die Kammerspiele unter Dieter Dorn kam; im Fernsehen verkörperte er damals einen fulminanten Wallenstein. Gefeiert wurde er als Dorfrichter Adam in Kleists Der zerbrochene Krug und als Shakespeares König Lear. Jenseits seines siebzigsten Lebensjahres setzte seine Spätkarriere als Vorlesestar ein – wobei dieses Wort verharmlosend ist: Denn Rolf Boysen wurde zum phänomenalen Live-Interpretationskünstler für die klassischen Epen der Weltliteratur. Zunächst wirkt sein hoher Ton, seine durchgestaltete, raue, knarzige, unerhört männliche Stimme, die gerne vibriert, Trauer genauso hinreißend bewältigt wie Komik, Angst oder Spannung, womöglich altertümlich – weil man solche Darstellungsgabe heute schlicht nicht gewöhnt ist. Aber Boysen gelingt es sofort, den Zuhörer in seinen akustischen Bann zu zwingen, mit großen Erzählbögen und feinen Zwischentönen, präzise gesetzten Pausen und passenden Modulationen. Und seine Vorlesegroßprojekte wie Dantes Göttliche Komödie, Homers Ilias und Odyssee, das Nibelungenlied, Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolde, Wolfram von Eschenbachs Parzival oder Kleists Novellen wurden so zu modernen Vergegenwärtigungen scheinbar fernliegender Stoffe, die durch Boysen plötzlich eine erschütternde Dringlichkeit und Tiefe bekamen. Allesamt liegen sie als Hörbücher vor, die noch viele Sprachliebhaber begeistern werden.

Das gilt hoffentlich auch für diese Schauergeschichten- Kassette, auf der neben Boysen auch Sibylle Canonica und Manfred Zapatka weitere Geschichten von Poe und Jeremias Gotthelf lesen. Das Grauen, das Boysen in Poes Die Grube und das Pendel erzeugt, ist unerhört, ebenso die Angst in dessen Maske des roten Todes – gerade weil beides sich undramatisch in uns hineinschleicht. Natürlich ist die Stimme jetzt matter geworden, Boysen erreicht nicht ganz die Höhe seiner anderen Aufnahmen. Aber auch die 17 Schauerballaden, die er beifügt, von Goethes Erlkönig (in introvertierter Verzweiflung gedeutet) und Zauberlehrling bis zu Brentanos Loreley, Heines Belsatzar und vielen anderen, wirken nach: in einer verzweifelten Trauer, im Entsetzen über das Unvermeidliche. So ist es ein akustisches Vermächtnis geworden. Der Vorhang ist gefallen, der Hörer verneigt sich, in stillem Applaus.