Einen Titel immerhin hat sich der HSV am Ende dieser Gurkensaison verdient: den für die absurdeste Sportveranstaltung des Jahres. Gut sechs Stunden dauerte das Spektakel am Sonntag, bei dem es angeblich um die Zukunft des Vereins ging. Selbst überregionale Medien berichteten über die Strukturreformdebatte im Liveticker. Am Ende stand ein Kantersieg: 86,9 Prozent der 9702 anwesenden Vereinsmitglieder stimmten für das Konzept HSVPlus, durch das die Abteilung Profifußball aus dem Club ausgegliedert wird.

Was daraus folgt, weiß von den jubelnden Fans in der Arena am Volkspark in Wahrheit keiner genau. Im Moment ist nicht einmal klar, wem in Zukunft das Markenzeichen des Vereins gehört, die legendäre Raute. Abgenickt wurden zwei Versprechen: Es quatschen weniger Leute mit – und es gibt frisches Geld. Und weil Geld angeblich Tore schießt, will der neue HSV in drei Jahren wieder im Europapokal spielen.

Vielleicht kann man in einer Kaufmannsstadt nur so über Fußball denken und reden. "Wir überlassen nichts dem Zufall", sagt Thomas von Heesen, der in der neuen HSV AG stellvertretender Aufsichtsratschef werden soll. Dabei müsste gerade ein ehemaliger Profi und Trainer wie er wissen, dass Fußball sich dieser Art von ökonomischem Kalkül entzieht. Das Geschehen auf dem Platz ist, das zeigen alle Statistiken, zu wenigstens 40 Prozent vom Zufall diktiert – wie soll da das Geschäft drum herum knallhart planbar sein? In Wahrheit schießt Geld bestenfalls dann Tore, wenn es über Jahre quasi unbegrenzt zur Verfügung steht.

Was der HSV deshalb statt der 25 Millionen Euro von Klaus-Michael Kühne viel dringender braucht, ist eine neue Vorstellung davon, was seine Seele ausmachen soll. Dazu gehört als Erstes die Einsicht, dass Fußball kein Geschäft wie jedes andere und Erfolg nicht käuflich ist. Bislang hat die neue Führung nur über sich selbst geredet und kaum darüber, welchen Geist das einzige Produkt der neuen AG, die Profimannschaft, verkörpern soll. Erst wenn dazu ein paar handfeste Ideen vorliegen, werden wir das wahre Ergebnis des Marathonmatches vom Wochenende kennen.