Ein Europäer kann von der portugiesischen Atlantikküste bis zur deutschen Nordsee fahren, ohne einem Beamten seinen Pass zeigen zu müssen. Genau wie man als Inder ohne Pass vom Arabischen Meer bis zum Golf von Bengalen fahren kann. Europa hat gerade ein neues Parlament gewählt, so wie Indien. Die indische Wählerschaft ist größer und jünger, aber beide sprechen viele Sprachen, beide kämpfen mit religiösen und ethnischen Spannungen und Ressentiments wegen der Migration aus ärmeren in reichere Regionen.

Und beide erleben eine politische Krise. Europa ist voller zorniger Wähler, die glauben, dass die EU ihre Lebensbedingungen verschlechtert hat. Das neue Straßburger Parlament wird ihre Enttäuschung widerspiegeln. Indien ist voller zorniger Wähler, die glauben, dass die vorige Regierung ihre Lebensbedingungen verschlechtert hat, und sie haben Narendra Modi an die Macht gespült.

Trotz dieser Parallelen haben nur wenige Inder von der Wahl in Europa überhaupt gehört. Das ist schade.

Ein Besucher aus dem nordöstlichen indischen Bundesstaat Tripura mag Kerala im Süden vertraut finden, weil es ein Teil seines Indiens ist, und doch verschieden, weil es ein sehr anderer Teil seines Indiens ist. Diese Einheit und Vielfalt zugleich hat die beinahe siebzigjährige Geschichte des unabhängigen Indiens hervorgebracht. Steckt darin vielleicht eine Lektion für die EU?

Ich als Inder wiederum sehe in der europäischen Einigung einen Schritt über den Nationalismus hinaus, ein kollektives Sich-bewusst-Werden, wie viel Blut durch ihn vergossen wurde. Die EU entspringt der gemeinsamen Einsicht, dass Zusammenarbeit Frieden und Wohlstand für alle bringen kann. Nicht, dass jeder in Europa so empfinden würde, das zeigen die Wahlergebnisse. Dennoch steht die EU für diese Qualitäten. Es ist das Prinzip, auf das es ankommt, im Falle Indiens wie in dem der EU. In beiden, das sollten Skeptiker nicht vergessen, steckt noch immer ein Versprechen.

Aus dem Englischen von Jan Ross