In dem Raum, wo sich an einem Frühlingsmorgen um zehn Uhr die drei Menschen zusammengefunden haben, die mal eine Familie waren, lehnt an der Wand das Bild eines Drachen. Er greift niemanden an, er speit auch kein Feuer, sondern liegt ausgestreckt in einer Hütte.

Auch die drei Menschen, die hier sitzen, sind friedlich. Die Tochter, schwarz lackierte Fingernägel, hat gerade gesagt, dass es ihr in dem Heim, wo sie seit zwei Wochen sei, richtig gut gefalle, die Mutter hat gesagt, wie glücklich sie sei, dass sich ihr Verhältnis durch die Distanz so verbessert habe. Nun ist der Vater dran. Er sagt, er sei auch froh, natürlich, aber dann sagt er noch mehr. Nämlich dass er sich frage, ob dieser Zustand von Dauer sei, meist werfe die Tochter ja schon beim ersten Problem alles hin. Nicht dass er das dieses Mal erwarte ... aber irgendwie ... man müsse doch ... die Vergangenheit habe gezeigt ... Eine Weile verliert er sich in Satzanfängen, dann verstummt er. Die Exfrau starrt nun an die Wand, die Tochter auf ihre Fingernägel.

Gleich könnten hier Stimmen laut werden und Türen knallen, wie so oft in der Vergangenheit, wäre da nicht ein weiterer Mann am Tisch. Klein, schmal, mit kräftiger Stimme. "Dein Vater freut sich, hörst du?", sagt Marcel Hesse zum Mädchen, dann wendet er sich an den Vater: "Nicht wahr?" Der Vater räuspert sich, "ja, ich bin stolz auf dich", sagt er, und da blickt die Tochter hoch von ihren Nägeln, die nicht nur schwarz sind, sondern an den Rändern silbern glänzen, und wieder einmal wurde im Raum 215 des schmutzig-weißen Kastens im Hamburger Süden der Drache gebändigt.

Allgemeiner Sozialer Dienst Wilhelmsburg, kurz: ASD. Das ist der Arbeitsplatz von Marcel Hesse, 31 Jahre alt. Sachbearbeiter lautet seine offizielle Berufsbezeichnung, Familienflüsterer wäre passender. Der ASD, Teil vom Jugendamt, hilft Familien dort weiter, wo sie es selbst nicht mehr schaffen, Schulden und Scheidung, Alkohol und Gewalt oder der bloße Alltag. Und wenn es gar nicht anders geht, wird aus dem Flüsterer ein Whistleblower, dann holt Hesse die Kinder aus den Familien raus. Die Arbeit macht ihm Spaß, das Zeitunglesen weniger. Entweder steht dort, das Jugendamt habe armen Eltern das Kind entrissen, wie im Februar bei einem obdachlosen Paar, oder es heißt, wie bei Yagmur, das Jugendamt habe weggesehen. Zu früh oder zu spät, dazwischen gibt es nichts.

Zu Besuch bei einem, der es in den Augen der Öffentlichkeit nicht richtig machen kann.

Nach dem Abitur machte Marcel Hesse eine Ausbildung zum Speditionskaufmann, aber das waren zu viel Zahlen und zu wenig Menschen für ihn. Er studierte Sozialpädagogik und bewarb sich beim Jugendamt, Abteilung Wilhelmsburg, Kirchdorf-Süd. Seine Stelle trat er am 2. Januar 2012 an. Zwei Wochen später, am 16. Januar 2012, passierte etwas, was seine Arbeit noch heute prägt. Chantal, die bei Pflegeeltern in Wilhelmsburg lebte, starb an einer Überdosis Methadon. Die Schande von Wilhelmsburg, titelte eine Zeitung, gemeint war das Jugendamt. Marcel Hesse las die Schlagzeile auf dem Weg zur Arbeit und dachte an sie, wenn er Leuten stolz von seinem neuen Job erzählen wollte. Angeleitet wurde er damals von einer Kollegin, die später nach Billstedt wechselte, dort starb im Dezember 2013 Yagmur. "Die Angst vorm Super-GAU", sagt Hesse, "ist immer da." Und er meint damit: ein weiteres totes Kind. "Doch ganz sicher können wir so etwas nie verhindern."

Die Jugendämter operieren in einem ständigen Spannungsfeld – einerseits müssen sie Kinder schützen, andererseits die Elternrechte achten. Wie stark diese in Deutschland sind, zeigt ihre Erwähnung im Artikel 6 des Grundgesetzes: "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern." Dass sie in dem Gesetz, das 1949 in Kraft getreten ist, an so prominenter Stelle genannt werden, war eine Reaktion auf die Nationalsozialisten, die auch Kinder verschleppt hatten. Für die Arbeit derer, die heute mit Kinderschutz zu tun haben, heißt es, dass das Ideal die Rückführung eines Kindes zu seinen Eltern ist. Im Jahr 2005 schrieben die Politiker den Jugendämtern dann noch eine Mammutaufgabe ins Gesetz – den Schutzauftrag, nachzulesen in Artikel 8a, Kinder- und Jugendschutzgesetz. Die Jugendämter müssen gegen Kindeswohlgefährdungen vorgehen, steht darin. Nicht dass sie das davor nicht auch gemacht hätten, aber seitdem es diese Bestimmung gibt, ist klar, wer schuld ist, wenn einem Kind doch etwas passiert.