DIE ZEIT: Herr Frantz, haben Sie heute schon am Klavier gesessen?

Justus Frantz: Ja, ich habe Chopin-Etüden gespielt. Da ist alles dabei, was für die Klaviertechnik wichtig ist. Terzen, Oktaven, schnelle Läufe. Ich spiele die Etüden, um mich warmzuspielen, das mache ich wie ein Sportler.

ZEIT: Ihr Terminplan ist auch sehr sportlich. Morgen sind Sie in Rostock, übermorgen fliegen Sie nach Israel, dann Künzelsau, Berlin, Rheingau Musik Festival. Dabei sind Sie gerade siebzig geworden. Sollten Sie nicht ein wenig kürzer treten?

Frantz: Wissen Sie, das Überraschende an diesem Geburtstag ist, dass ich mir immer wieder klarmachen muss: Ich bin jetzt siebzig. Meine Lebenseinstellung hat sich nicht geändert. Und ich kann auf dem Klavier Dinge spielen, die konnte ich mit fünfzig nicht.

ZEIT: Zum Beispiel?

Frantz: Opus 10, Nr. 1. Die Chopin-Etüde.

ZEIT: Sie sind ein besserer Pianist geworden?

Frantz: Ich glaube, ja.

ZEIT: Wir haben eine alte Brahms-Platte gefunden. Mit einem schönen Bild von Ihnen auf dem Cover, blond und verträumt. Waren Sie der erste Popstar im deutschen Klassikbetrieb?

Frantz: Ich finde das Foto ein bisschen schmalzig. Aber ich war auch kein Popstar. Damals haben Aussehen und Marketing noch nicht so eine Rolle gespielt. Heute muss ein Pianist nicht nur gut sein, sondern auch so gut aussehen wie Lang Lang.

ZEIT:Als Sie das Schleswig-Holstein Musik Festival gegründet haben, haben Sie doch auf Ihren Pop-Appeal gesetzt. War das eine Strategie, um das Festival medientauglich zu machen?

Frantz: Nein. Natürlich war es wichtig, sich einzubringen. Aber auf die Idee, mich durch Marketingmaßnahmen zum Popstar zu machen, wäre ich nicht gekommen. Wirklich nicht.

ZEIT: Und die Aufnahme von Mozarts Klavierkonzert, das Sie mit Ihrem Freund und Kollegen Christoph Eschenbach und mit Kanzler Helmut Schmidt eingespielt haben? Gute Musik oder gutes Marketing?

Frantz: Mozart hat das Lodron-Konzert für zwei Pianisten und einen Laien geschrieben, insofern war das kein Verrat an der Musik. Plácido Domingo sollte eigentlich das dritte Klavier spielen, aber er wollte das später mit Kopfhörern einspielen. Da haben Christoph Eschenbach und ich gesagt: Das machen wir nicht. Wir hatten plötzlich keinen dritten Partner mehr. Ich hatte damals einen engen Kontakt zu Helmut Schmidt, rief ihn an und fragte: "Helmut, haben Sie Lust, mit uns das Mozart-Klavierkonzert zu machen?" Und er fragte: "Ist das denn schwer? Kann ich das?" Und ich habe gesagt: "Ja, das können Sie." Er wusste aber nicht, dass das Konzert in London eingespielt werden sollte, in den Abbey Road Studios. Er kam zu mir, mit Loki, da habe ich ihm die Noten gegeben, und er begann zu üben – ich meine, das sind nicht furchtbar viele Läufe, aber ein paar gibt es ja doch – und ich habe Loki beiseitegenommen und gefragt: "Habt ihr eigentlich schon ein Flugticket nach London?" Und sie ging zu ihm hin und sagte: "Helmut, weißt du eigentlich, dass die Aufnahmen in London sind?" Er sagte: "In London? Das geht doch nicht, dafür habe ich gar keine Zeit. Es gibt nur eine Chance. Wir müssen das morgen machen!" Und so haben wir es dann auch gemacht.

ZEIT: Sie haben nicht nur viele Platten gemacht, sondern auch Fernsehen. Der Kritiker Joachim Kaiser hat über Ihre ZDF-Sendung Achtung, Klassik! geschrieben, das sei eine auf Sie zugeschnittene Personality-Show, die zwar nicht schade, aber auch nicht nütze. Hat Sie das geärgert?

Frantz: In gewisser Weise hatte er ja recht. Was ich mir vorgenommen hatte, konnte ich gar nicht wirklich machen. Ich wollte erreichen, dass man etwa hundert Werke so vorstellt, dass die Menschen entscheiden können, wen sie besser finden: Conchita Wurst oder Ludwig van Beethoven.