Im Jahr 2005 meldete das angesehene Wissenschaftsmagazin Nature einen Durchbruch in der zahnmedizinischen Forschung: ein Kaugummi, welches das Zähneputzen überflüssig mache. Es stammte aus den Labors des Zahnforschungszentrums der US-Armee (ja, das gibt es tatsächlich). Im Gefecht muss der Soldat manchmal die Zahnhygiene vernachlässigen, und das sogenannte KSL-Protein, das in diesem Kaugummi steckte, sollte seine Mundhöhle mehrere Tage lang bazillenfrei halten, sodass ihm zumindest von den mikrobiellen Feinden Karius und Baktus keine Gefahr drohe. Und im Gegensatz zu antibakteriellem Mundwasser griff das Protein nicht die gesunde Darmflora an.

Danach wurde es still um das militärische Kaugummi. Ob es nun im Feld zum Einsatz kommt oder nicht – die zivilen Sorten, die wir im Supermarkt kaufen können, sind jedenfalls kein Ersatz fürs morgendliche und abendliche Zähneputzen.

Verantwortlich für die Löcher in unseren Zähnen sind die Kariesbakterien. Die müssen zunächst einmal mit Speiseresten gefüttert werden, je süßer, desto besser. Denn die Bakterien können komplexe Kohlenhydrate nicht verwerten, sondern nur die sogenannten Einfachzucker. Wenn sie die verdauen, setzen sie Milchsäure frei – und diese Milchsäure ist es, die den Zahnschmelz angreift und schließlich zerstört.

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Säure lässt sich mit alkalischen Lösungen neutralisieren, und unser Speichel ist leicht alkalisch. Kaugummikauen regt die Spuckeproduktion an und wirkt dadurch der Säure entgegen. Das funktioniert prinzipiell sogar mit zuckerhaltigem Kaugummi, weil der Zucker ja nach ein paar Minuten verschwunden ist. Und solange die Bakterien keine neue Nahrung bekommen, produzieren sie auch keine neue Milchsäure.

Das Kauen bremst also die Bakterien, aber weder bringt es diese um – wie das Enzym des amerikanischen Militärs –, noch entfernt es vollständig die Zahnbeläge, in denen sie wohnen. Mechanisch wirkt das Gummi praktisch nur auf den Kauflächen, die Seiten der Zähne berührt es kaum, von den Zahnzwischenräumen ganz zu schweigen. Ein Versuch der Zeitschrift Öko-Test ergab 1996, dass durch drei Minuten Kaugummikauen nur weniger als ein Fünftel der Beläge entfernt wurde.

Diese Beläge aber müssen weg, und das geht nur mit Zahnbürste und Zahnseide. Auch wenn einige der sogenannten Zahnpflege-Kaugummis mit dem putzigen "Zahnmännchen" der "Aktion zahnfreundlich" werben dürfen – sie haben allenfalls eine aufschiebende zahnhygienische Wirkung.

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