so viel Mut hätten wir Ihnen gar nicht zugetraut! Dass Sie als Präsident der Bundesärztekammer, als oberster Arzt Deutschlands, diesen Missstand so offen ansprechen, dass Sie in einem Zeitungsinterview fordern: "Wir müssen Nutzen und Risiko der Vorsorgeuntersuchungen stärker hinterfragen als bisher". Sie sind doch ein ausgebuffter Funktionär. Sie wissen doch, was jetzt passieren wird bei den Ärzten, bei Ihren Ärzten!

Dabei: Sie haben ja ganz recht. Vielleicht hätten Sie noch deutlicher von "Früherkennung" statt von Vorsorge sprechen können. Denn darum geht es ja, um Früherkennung von Krankheiten wie Krebs. Doch letztlich haben Sie die entscheidende Frage aufgeworfen: Was nützen die derzeitigen Untersuchungen den Patienten wirklich?

Es gibt ja schon lange Zweifel, etwa an der Mammografie zur Entdeckung von Brustkrebs oder der Früherkennung eines Prostatakrebses. Sie retten längst nicht so viele Leben wie erhofft. Oder wie Sie sagen: Die Zahl der Todesfälle lässt sich dadurch, "statistisch betrachtet, nur marginal senken". Studien zeigen sogar, dass Früherkennung oft eher schadet als nutzt. Eine Mammografie zum Beispiel ist mit einer nicht unerheblichen Strahlenbelastung verbunden.

Dabei erwähnten Sie im Gespräch mit der Berliner Zeitung noch nicht einmal den psychologischen Schaden, der durch die Verunsicherung entsteht. "Mein Arzt hat da etwas entdeckt …" Bis dann endlich die Harmlosigkeit eines Knotens erkannt ist, haben Patienten oft Wochen des Schreckens hinter sich. Manchmal wird sogar unnötigerweise operiert, es wird ein vermeintlicher Brustkrebs entfernt oder die Prostata herausgeschnitten, obwohl der Tumor nie gefährlich geworden wäre. Prostatakrebs ist oft so harmlos, dass die Männer mit ihm sterben und nicht an ihm.

Aber ganz ehrlich, lieber Herr Montgomery, Sie haben auch selbst ein wenig Vorsorge betrieben. Sie wussten ja, dass viele Ärzte protestieren würden, weil ihnen mit der Früherkennung auch Einnahmen wegbrechen. Deswegen haben Sie gleich einen kleinen Rückzieher gemacht und der Deutschen Presse-Agentur gesagt, ihre Forderung gelte nicht für die "etablierten Vorsorgeuntersuchungen im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin und die Check-up-Untersuchungen für Erwachsene".

Warum so vorsichtig? Warum sollte man nicht auch diese Methoden auf den Prüfstand stellen? Wenn sie tatsächlich einen Nutzen haben, wird sich das nachweisen lassen. Also, lieber Ärztekammerpräsident: Seien Sie doch konsequent!

Mit besten Grüßen, Ihr Jan Schweitzer