Es ist ein Mahnmal, aber es lebt. Auf dem sonst so verwaisten Platz im Süden des Bahnhofs Friedrichstraße in Berlin sitzen und stehen junge Menschen um zwei aufeinandergestapelte Container und ein Zelt herum. Viele von ihnen stammen aus Syrien, so wie Anis Hamdoun, Jahrgang 1985, der erst seit einigen Monaten als Flüchtling in Osnabrück lebt. Jetzt wartet er in dem Erste-Hilfe-Zelt neben den Containern auf Deutsche, um ihnen von dem fast vergessenen Bürgerkrieg in seiner Heimat zu erzählen. Ihn selbst hat dieser Krieg ein Auge gekostet, er wurde bei einem Granatenangriff von einem Splitter am Kopf getroffen. Hamdoun ist ein Theatermacher, an den Protesten gegen das Assad-Regime hat er sich mit künstlerischen Aktionen beteiligt. Und jetzt ist er hier, nach einer Flucht über Ägypten, Teil einer anderen Kunstaktion.

Die Berliner Gruppe mit dem so sonder- wie wunderbaren Namen Zentrum für politische Schönheit hat sich die Aktion ausgedacht – und sie will damit nicht weniger als Leben retten. Seit vergangenem Mittwoch bespielte das Zentrum die tonnenschweren Container mit Fotos und Videos von einhundert verletzten und verzweifelten Kindern aus den belagerten Städten wie Aleppo. Es sind unfassbare Dokumente, ein kleines Mädchen liegt in den Trümmern seines Kinderzimmers begraben. Die Container seien eine Werkstatt für Mitmenschlichkeit, sagt Philipp Ruch, der Regisseur dieser Aktion. Wie mit einer Brechstange öffne man hier die Herzen der Passanten. Um sie dann mit Menschen wie Hamdoun ins Gespräch zu bringen.

In einer Art Fernsehshow spielte man bis zum vergangenen Sonntagabend zusätzlich Fragen etwa zu Fassbomben durch, außerdem konnte der Besucher in einem Casting "1 aus 100" per Telefonwahl ein Kind auswählen, das vom Zentrum für politische Schönheit mit seiner Familie aus Syrien gerettet werden soll. "Wir müssen dem Krieg ein Gesicht geben", sagt Ruch. Nur ein Kind retten und die anderen 99 weiter in Todesgefahr belassen – ist das nicht unfassbar zynisch? Im Gegenteil, das Garnichtstun sei der große Zynismus. Hundert von hundert Kindern könne man nicht helfen, so Ruch, erst recht nicht als Künstler. "Den Menschen zu helfen heißt, eine Auswahl zu treffen. Man macht sich dadurch schmutzig." Aber dieses Risiko müsse man eingehen. Die Kunst des Zentrums für politische Schönheit ist nicht lustig, und sie will nicht in die Museen. Sie meint es todernst: Man muss etwas tun.

Das lebende Mahnmal an der Friedrichstraße ist bereits die zweite Eskalationsstufe einer Aktion, mit der die Künstlergruppe in den vergangenen zwei Wochen den Berliner Politbetrieb und insbesondere das Bundesfamilienministerium so richtig auf Trab gebracht hat. Die Krise in der Ukraine und andere Themen hatten den tagtäglichen Mord an der syrischen Zivilbevölkerung aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt – bis plötzlich eine Initiative des Bundesfamilienministeriums öffentlich wurde: Kindertransporte sollten 55 000 Kinder aus Syrien retten. Familienministerin Manuela Schwesig suchte mit einem öffentlichen Appell potenzielle Paten: "Mehr als 12 000 Kinder wurden bereits auf bestialische Art ermordet. Sollen wir als Gesellschaft diesen Verbrechen tatenlos zusehen?" Der Appell war auf der Internetseite kindertransporte-des-bundes.de zu lesen, dort gab es auch Videos von syrischen Kindern, die sich bei Schwesig bedankten – und Aufnahmeformulare für Paten. Hunderte von Hilfswilligen meldeten sich innerhalb weniger Tage.

Indes, das alles war ein hochprofessioneller Fake. Eine Wiederauflage der Kindertransporte, mit denen einst jüdische Kinder aus Deutschland gerettet wurden, gibt es nicht. Den Appell von Ministerin Schwesig hatte sich das Zentrum für politische Schönheit ausgedacht, Schauspieler hatten die Anrufe bei der Paten-Hotline beantwortet. Es war keine Satire, dafür ist es diesen Politkünstlern viel zu ernst. Es war ein Spiel mit dem Zynismus, der die Enttäuschung der potenziellen Paten einkalkuliert hat.

Die Aktion zeigte Wirkung. Die Regierung geriet in Zugzwang, Fernsehsender und Tageszeitungen berichteten. Als Philipp Ruch schließlich mit zwei alten Menschen vor dem Bundeskanzleramt erschien, die einst durch die Kindertransporte aus Nazideutschland gerettet worden waren, gewährte man ihm dort Einlass und hörte sich seinen Hilfsappell zumindest an. Sechs Monate lang habe man diesen Akt "politischer Schönheit" generalstabsmäßig vorbereitet, erzählt Ruch, der sich und seine Mitstreiter als "aggressive Humanisten" bezeichnet. "In unserer Kunst geht es um die Existenz, was anderes machen wir nicht."

Das Kernteam des Zentrums sind sieben Menschen, doch für Aktionen wie diese erweitert sich die Gruppe auf mehr als hundert. "Kreative ohne Grenzen" hätten die Website gebaut, Anwälte die Aktion juristisch abgeklärt und die nötigen Genehmigungen eingeholt. Die Aktionskunst des Christoph Schlingensief ist für Ruch, Jahrgang 1981, ein großes Vorbild, allerdings nur jene vor 2003. Danach habe Schlingensief zu installativ gearbeitet, zu ichbezogen agiert, sagt Ruch, der sehr darauf bedacht ist, nicht immer im Mittelpunkt der Kunstaktionen zu stehen. Er möchte auch lieber nicht vom Fotografen der ZEIT porträtiert werden, und doch ist er es, der als Regisseur und "Chefunterhändler" die Themen für die "hyperrealistischen" Theateraktionen aussucht. Er hat bei Herfried Münkler und Hartmut Böhme über Ehre und Rache promoviert, eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts geschrieben, aber nebenher mit seinen Mitstreitern noch andere spektakuläre Stunts vollbracht. 2012 etwa startete das Zentrum eine große Kampagne gegen das Waffenunternehmen Krauss-Maffei Wegmann, riesige Plakate tauchten in deutschen Städten auf: 25 000 Euro sollte derjenige erhalten, der ein Mitglied der Eignerfamilien ins Gefängnis brächte. Egal für welches Delikt. Die Aktion war heftig umstritten – sie erzeugte ein gewaltiges Echo in den Medien (ZEIT Nr. 23/12). Das Zentrum erreichte damals ein Ziel: Eine Bestellung von 270 Leopard-2-Panzern bei der Waffenschmiede wurde bis heute nicht an das Regime in Saudi-Arabien geliefert.

Doch wie bemisst sich der Erfolg der Kunstaktion an der Friedrichstraße? Schadet die geschmacklose Inszenierung von Kriegsschicksalen als Castingshow nicht dem Anliegen? Anis Hamdoun ist das Mittel der Provokation recht: So sei die syrische Katastrophe wieder in die Medien geraten. Die Zelte an der Friedrichstraße sind inzwischen geräumt, aber im Internet soll bald unter 1aus100.de ein "Siegerkind" bekannt gegeben und mithilfe der syrischen Netzwerke ausfindig gemacht werden. Mitmenschlichkeit: Hier macht die Kunst sie mal sichtbar.