Also gut, im Dorotheum fällt der Hammer nicht, wie es der Kunstmarktjargon eigentlich will. Der Auktionator haut hier stattdessen auf die Glocke. In der Abendauktion mit zeitgenössischer Kunst klingelte es im Wiener Dorotheum vergangene Woche regelmäßig und oft erst nach langen Bietgefechten. Der Saal war gut gefüllt, doch man rivalisierte überwiegend per Telefon. Und es ging – zumindest im oberen Preissegment – mehrheitlich um italienische Kunst der fünfziger und sechziger Jahre. Mit einem fulminanten Einstieg fiel dann auch gleich der erste Rekord. Ein Telefonbieter setzte sich erst bei einem Gebot von 480.000 Euro (Limit 90.000 Euro) für Paolo Scheggis Zone riflesse durch, eine gebrochen weiße, exemplarische Arbeit aus drei hintereinander montierten Leinwänden mit ovalen Bildausschnitten. Damit war ein Höchstpreis für den mit 31 Jahren jung verstorbenen Konstruktivisten etabliert, der zwischenzeitlich ein wenig aus dem Blick internationaler Sammler geraten war. Zusammen mit anderen Mailänder Weggefährten hatte er Lucio Fontanas Konzepte fortgeschrieben und die Verwandlung des konventionellen Tafelbilds in ein Bildobjekt variiert.

Aufgeregtes Gezwitscher dann an etlichen Telefonen, als Fontanas gelb-schwarzes Concetto Spaziale von 1957 (da war der Künstler noch auf dem Weg zum puristischen Schlitz, arbeitete noch mit expressiver Geste statt monochrom) aufgerufen und bei 920.000 Euro weitergereicht wurde; 2009 hatte es bei Christie’s in London umgerechnet circa 700.000 Euro erzielt. Kein aufregender, ein solider Sprung jetzt, aber eine sichere Bank ist Fontana allemal.

Das Gros der italienischen Konstruktivisten dieser Auktion kam aus italienischen Sammlungen. Seit Jahren ist das Dorotheum in Italien hervorragend vernetzt. Damit und aufgrund der Tatsache, dass der Auktionsmarkt dort mittlerweile zusammengebrochen ist – es gibt keine nennenswerten Auktionshäuser mehr, und schon lange ziehen es die italienischen Sammler aus den unterschiedlichsten, immer gut nachvollziehbaren Gründen vor, außer Landes einzukaufen –, konnte ein spannendes Geschäftsfeld erschlossen werden. Die Kunst wandert von Mailand und Rom ins Ausland, dem Akquisegeschick bleibt es dann vorbehalten, sie vor dem großen Sprung nach London in die dortigen Auktionshäuser abzufangen.

Mit Oldtimern und Juwelen macht das Dorotheum gute Geschäfte

Martin Böhm, Geschäftsführer und Mitinhaber des ehemals staatlichen, 2001 privatisierten und zeitgemäß erweiterten und umstrukturierten Dorotheums, kann auf Tradition und Erfahrung eines vor über dreihundert Jahren gegründeten Hauses verweisen, das heute mit Christie’s, Sotheby’s und Bonhams international zu den großen vier zählt (sieht man mal von den chinesischen Giganten ab). Umsatzzahlen nennt Böhm nicht, doch die Vielseitigkeit der Geschäftsbereiche, zu denen auch die derzeit boomende Oldtimersparte und ein ertragreiches Juwelensegment gehören, setzt das Unternehmen im kontinentaleuropäischen Bereich an die Spitze.

Im Kinsky, dem anderen nennenswerten österreichischen Auktionshaus, feierte man im vergangenen Jahr zwanzigjähriges Bestehen und versucht sich nach Kräften zu behaupten. Kein einfaches Unterfangen. Auktionator und Gesellschafter Kovacek verweist denn auch darauf, dass man sich in allernächster Zukunft mit internationalen Repräsentanzen sichtbarer machen will. Und das braucht Zeit, viel Zeit. Unsere angeblich so turbulenten Zeiten erweisen sich nämlich als denkbar träge, wenn es um kommerzielle Relevanz und partnerschaftliches Vertrauen geht. Hinzu kommt, dass die internationale Beteiligung, die des Dorotheums allemal, bei diesem Hase-und-Igel-Spiel sehr geschickt ist. Auf Dauer wird es nicht ausreichen, sich auf Österreich zu fokussieren, auch wenn dessen Gesamtumsatz im Jubiläumsjahr 2013 nach Angaben des Mitinhabers und Auktionators Michael Kovacek bei immerhin 23,5 Millionen Euro lag. Deshalb sei die internationale Positionierung nun eines der wichtigsten Ziele.

Das Publikum wird älter, es scheint satt oder müde zu sein

Mag das gepflegte alte Kunsthandwerk, die angewandte Kunst der Wiener Moderne, immer noch ein solides Fundament sein (sofern sich herausragende Qualität akquirieren lässt): Mittelmaß läuft nicht mehr mit wie in früheren Zeiten, sondern wird schlicht ignoriert. Dem zeittypischen Geschmack von Sammlern und Investoren entspricht es nur noch bedingt. Das gilt inzwischen auch für die (Klassische) Moderne.

Das Publikum, das sich über Jahrzehnte mit Begeisterung und hohem finanziellem Einsatz dem Aufbruch in die Moderne verschrieben hat, wird älter. Es ist satt oder müde. Bei den konservativ bildungsbürgerlichen Jüngeren überzeugten bis vor Kurzem noch die großen Namen, auch schwächere Hervorbringungen wurden zu respektablen Beträgen abgenommen. Davon kann heute kaum noch die Rede sein. Wer da als Einlieferer nicht umdenkt und seine Preiserwartungen entsprechend anpasst, hat verloren.

Fast schockierend war demzufolge der Auftakt in der Moderne-Auktion am 22. Mai im Dorotheum. Ein Kandinsky-Aquarell, eine gute, allerdings eher lyrische denn dynamische Abstraktion von 1918, wurde bei einer Taxe von 150.000 Euro ebenso wenig abgenommen wie eine Nächtliche Landschaft (150.000) von Paul Klee, in der das ihr zugeschriebene, freilich überaus schwache "innere Leuchten" nicht hinreichend animierte.

Das frühe Mädchenbildnis von Alexej Jawlensky, mit kurzen raschen Pinselstrichen puppenhaft abstrahiert, gefiel bei einer Taxe von 100.000 Euro nicht; vor gut zehn Jahren erzielte es bei Lempertz, Köln noch 55.000 Euro. Eine futuristische Komposition (Medicante e Tabarin) von Tullio Crali ging auf immerhin 120.000 Euro, doch eine zu hoch angesetzte Pittura metafisica von Giorgio de Chirico, eine Piazza d’Italia, enttäuschte (Taxe 220.000 Euro).

Die trotz einiger Anzeichen der Schwäche ganz sicher unsterbliche Wiener Moderne vertrat eindrucksvoll Gustav Klimts Brustbild eines Kindes, die Vorzeichnung für eine Illustration im Märzheft 1898 des eleganten und programmatischen Organs der Wiener Secession, in einem Rahmen von Josef Hoffmann (Zuschlag 110.000 Euro).

Martin Böhm macht keinen Hehl daraus, dass die brüsker werdende Konkurrenz unter den führenden Auktionshäusern eine stetig wachsende Herausforderung für Marketing- und Geschäftsstrategien darstellt. Auch sein Haus stellt sich dem Wettbewerb mit variablen Einliefererprovisionen. Das gefährliche Geschäft mit Garantien vermeidet er, bislang ist man bei Bedarf mit vernünftig kalkulierten Vorschüssen gut gefahren.

Einst war das Dorotheum Vorreiter beim Einsatz moderner Technologien, es präsentierte Online-Kataloge zu Zeiten, als andere noch darüber nachdachten, ob so etwas überhaupt sinnvoll ist. Mittlerweile besteht jedoch Nachholbedarf, denn wer seinen Kunden keine Möglichkeit gibt, online mitzubieten und die Auktion live von der häuslichen Couch aus mitzuverfolgen, gilt rasch mal als aus der Zeit gefallen. Eigentlich unvorstellbar bei einem Haus, das über Jahrhunderte erfolgreich durch wechselvolle Epochen manövrierte und die dazugehörigen Anforderungen mit Geschick meisterte.