Von rechts fetzen die Autos den Hügel runter, 140, vielleicht 150 Kilometer in der Stunde schnell, leichte Linkskurve, ansteigende Landstraße, eine Kreuzung. Kurz anbremsen, einen Gang runter, dann wieder Vollgas, die überschüssige Luft im Turbolader explodiert. Das Spektakel dauert drei Sekunden. Minute für Minute schießen Boliden vorbei, Gespräche sind unmöglich. Der Lärm dröhnt von einer Talseite zur anderen. Der Widerhall der Fehlzündungen aus den Wäldern klingt wie das Echo von Schüssen aus dem Sturmgewehr. Höllenkrach in der Alpenidylle.

Es ist das Wochenende vor Auffahrt, wir sind am 11. Rallye du Chablais. Zum dritten Mal in diesem Jahr trifft sich im untersten Rhonetal die Schweizer Rallye-Familie. Fast alle Fahrer und Fans sind Romands.

In der Deutschschweiz finden nur noch vereinzelt Bergrennen für gesetztere Herren in ihren Oldtimern statt, nachdem das Parlament 1955 wegen eines schweren Unfalls in Le Mans mit über 80 Toten Rundstreckenrennen verboten hat. In der Westschweiz hingegen halten Hunderte von Freiwilligen den Rennsport am Leben.

Im alten Zeughaus beim Dörfchen Lavey stehen die 90 Fahrzeuge aufgebockt unter Zelten. Alphonse Kilchenmann tigert durch die improvisierte Garage seines Teams und zieht ein letztes Mal an seiner Brunette-Doppelfilter, bevor er ins feuerfeste Renndress schlüpft. 60 Sekunden schützt es den Körper vor der Hitze, man schwitzt darin wie in einer Sauna. Kilchenmann und seine Co-Pilotin Jacqueline, die auch seine Frau ist, tragen die Nummer 21. Das Ehepaar aus Sonceboz im Berner Jura besitzt eine Autowerkstatt, seit 15 Jahren fahren die beiden gemeinsam Rallye-Rennen. Und weil Alphonse – "ich sitze seit 42 Jahren im Cockpit" – diese Woche seinen 60. Geburtstag feiert, haben ihm seine drei Kinder einen besonderen Wunsch erfüllt: Von einem professionellen italienischen Rennstall mieteten sie einen Renault Clio Super 1.600. Ein aufgezüchtetes, knallgelbes, mit Aufklebern übersätes Mini-Monster mit 243 PS unter der Haube. Neupreis: 400.000 Franken.

Jahrzehntelang fuhren die Kilchenmanns selbst getunte Kleinwagen: vom Renault 8 bis zum Opel Corsa. Von der Konkurrenz sahen sie immer nur die Heckspoiler. Hier im Chablais an diesem Wochenende soll das nun anders sein. Rund die Hälfte der 15.000 Franken teuren Miete trieben die Kinder an einem Benefizabend zu Ehren ihres Vaters auf. Denn wer diesen Boliden fahren will, muss ein ganzes Team verpflichten. So schrauben zwei italienische Mechaniker und ein Reifenspezialist unter dem Zelt an der Rennmaschine. Der Chef erklärt Alphonse, wie er den Akkuschrauber rausnimmt, um das Rad zu wechseln: "Das musst du nur wissen, aber nicht brauchen, ja?" Alphonse nickt.

Dann heulen die Motoren, die Luft ist benzingeschwängert – das Rennen startet.

14 epreuves spéciales, also Wertungsprüfungen, stehen auf dem Programm. Die erste führt auf Splittstraßen durch den Wald. Die Autos schießen über eine Kuppe, bremsen ab bis zur Schikane, beschleunigen, die Motoren drehen im roten Bereich. Rallye ist entweder Vollgas oder Vollbremsung. Der Bremsweg ist ähnlich kurz wie bei einem Elektrovelo.

"Das ist affengeil", sagt ein Freund von Alphonse in der Garage bei der Assistance, wie im Rallyesport der Boxenstopp heißt. Als die Nummer 21 zurückkehrt, zieht das Team eine erste Bilanz: ein abgeschlagener Rückspiegel und ein kaputter Auspuff. Alphonse verlor auf dreckigem Untergrund die Kontrolle über sein teures Spielzeug und drehte eine Pirouette, einen tête-à-cul. Hurtig schweißen die Mechaniker die Teile zusammen.