Wahlgeschenk, Klientelpolitik, Verrat an der jungen Generation – kein Klischee wurde in den vergangenen Wochen ausgelassen, um die Reform der Mütterrente zu verunglimpfen. Mal abgesehen davon, dass uns Müttern niemals in den Sinn kommen würde, Kindern noch zusätzliche Lasten für die Zukunft aufzubürden, ist eine verbesserte Rente für ältere Mütter kein Geschenk. Sie ist schlicht und einfach gerecht.

Ich habe fünf Kinder auf die Welt gebracht, drei Jungs und zwei Mädchen. Vor knapp 20 Jahren, nach der Scheidung von meinem Mann, bin ich mit den zwei Jüngsten nach Worpswede gezogen, einem Dorf am Rande des Teufelsmoors. Meine Kinder sollten es gut haben. Reiten, schwimmen, ein Instrument erlernen – in ihre Bildung habe ich Zeit und auch Geld gesteckt. Ich habe das einmal nachgerechnet: 33 Jahre meines Lebens haben der Erziehung meiner Kinder gehört, und im Laufe der Jahre haben wir in die fünf fast 600.000 Euro investiert. Das ist sehr, sehr viel Geld, aber wir haben es gerne gegeben, und es hat sich gelohnt. Heute sind sie alle in Lohn und Brot, wie man so schön sagt.

Bald werde ich 69 Jahre alt. Ich arbeite immer noch Vollzeit in der Verwaltung einer privaten Universität. Ich mache meinen Job aus Leidenschaft, aber auch, weil ich allein von meiner Rente mein Leben nicht finanzieren könnte. Sie beträgt rund 830 Euro netto im Monat – 140,29 Euro davon sind für die Kindererziehungszeiten. Auf dem Rentenbescheid habe ich zum ersten Mal schwarz auf weiß das "Entgelt" für meine Arbeit als Mutter gesehen. Mein Pech ist, dass ich meine Kinder vor 1992 auf die Welt gebracht habe. Für die Erziehungszeit dieser Kinder gibt es weniger Rentenpunkte als für die ab 1992 geborenen. Mit diesem willkürlich festgelegten Stichtag hat der Gesetzgeber ein Zweiklassensystem für Mütter geschaffen. Denn es gibt nicht einen einzigen sachlichen Grund, warum die Erziehungsleistung älterer Mütter weniger wert sein soll. Zumal in der Zeit, in der meine Kinder klein waren, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch ein Exotenthema war. Elterngeld oder ein flächendeckendes Angebot an Kitaplätzen hat es damals nicht gegeben.

"Politiker aller Fraktionen, insbesondere die Familienministerin", so begann meine Online-Petition für eine Rentengleichstellung der älteren Mütter, die ich im Sommer vergangenen Jahres auf den Weg gebracht habe. Die Petition forderte "die Anerkennung der vielfältigen Erziehungs- und Bildungsaufgaben". Nach der Veröffentlichung dieses Anliegens erreichte mich eine Vielzahl von Anfragen. Es wurde offensichtlich, dass damals den wenigsten die Ungleichbehandlung von uns Müttern bewusst war. Auch mir hatte ja erst der Rentenbescheid die Augen geöffnet.

In kürzester Zeit unterzeichneten mehr als 1.600 Menschen meine Petition. Bemerkenswert war, dass nicht nur ältere Frauen zu den Unterzeichnern gehörten, sondern auch Väter und vor allem junge Menschen, die für ihre Mütter eine Angleichung der Rente forderten. Den Vorwurf, den Jungen würde durch die Anpassung der Mütterrente etwas genommen werden, habe ich in keinem der Kommentare zu meiner Petition gelesen. Dieser Vorwurf ist auch haltlos, denn die Mütterrente kündigt den Generationenvertrag nicht auf. Im Gegenteil, sie schafft ein Stück mehr Generationengerechtigkeit, weil sie bei uns Müttern nicht mehr zwischen Alt und Jung unterscheidet. Die Ungleichbehandlung durch eine willkürlich gesetzte Stichtagsregelung verstößt meiner Ansicht nach ohnehin gegen das Grundgesetz. Denn dort heißt es in Artikel 6: "Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft."

Unabhängig von meinem persönlichen Glück als Mutter habe ich mit der Geburt meiner Kinder auch rein finanziell betrachtet einen Beitrag für die Gemeinschaft geleistet: Meine Kinder zahlen in die Rentenkasse ein – wovon übrigens auch die Kinderlosen profitieren. Ich erlaube mir hier zu fragen, wie teuer wohl die "Kinderlosen-Rente" ist?

Mit dieser Frage will ich nicht einzelne Gruppen gegeneinander ausspielen, sondern vor Augen führen, wie perfide in der Debatte um die Mütterrente versucht worden ist, die Generationen gegeneinander in Stellung zu bringen. Mir geht es nicht darum, finanzielle Vorteile aufzurechnen, mir geht es um die Anerkennung von Lebensleistung. Denn nach wie vor ist Erziehungsarbeit nicht mit Erwerbsarbeit gleichgestellt. Deshalb ist die Mütterrente auch ein wichtiger Schritt hin zu einer fairen Bewertung von Kindererziehung. Statt in viele kurzfristige Programme Geld zu stecken, sollte die Anerkennung der Erziehungsleistung neu gestaltet werden, nämlich in eine sozial- und rentenversicherungspflichtige Beschäftigung. Nur wenn eine Mutter frei von dem Druck ist, schon allein wegen ihrer Rentenvorsorge arbeiten zu müssen, werden Männer und Frauen auch frei in ihrer Entscheidung für Kinder sein.

Durch Beschluss des Bundestages vom 23. Mai 2014 werden mir für jedes Jahr Erziehungszeit pro Kind künftig zwei statt einem Rentenentgeltpunkt gewährt. Frauen, die nach 1992 Kinder geboren haben, bekommen übrigens nach wie vor drei Punkte.

In Euro ausgedrückt bedeutet für mich die Gesetzesänderung, dass ich demnächst 140 Euro mehr Rente zur Verfügung habe. Davon profitiere allerdings nicht nur ich. Es profitiert auch die Gemeinschaft. Denn das Geld werde ich sicherlich nicht unter mein Kopfkissen legen, sondern für meinen Lebensunterhalt ausgeben.