Im Winter des Jahres 1981 erschienen Studenten in Warschau auf einmal mit Sonnenbrille in der Vorlesung: eine Form des Protestes gegen das Kriegsrecht, das der polnische Ministerpräsident, Parteichef und General Wojciech Jaruzelski am 13. Dezember verhängt hatte. Polens mächtigster Mann trug Sonnenbrille, weil ihm während seiner Internierung in sibirischen Arbeitslagern der gleißende Schnee die Augen verbrannt hatte.

Das Kriegsrecht vom Dezember 1981 trieb die Gewerkschaft Solidarność in den Untergrund. Jaruzelski ließ Streiks niederschlagen und Oppositionelle verhaften. Hunderttausende Gewerkschafter verloren ihre Arbeit, Priester und Journalisten wurden "von Unbekannten" zusammengeschlagen. Nachts machte die paramilitärische Miliz Zomo Jagd auf alles, was sich bewegte. Aber der Zusammenbruch des Sozialismus ließ sich dadurch nur noch hinauszögern.

Längst war die Gesellschaft rebellisch geworden, nicht nur die in Polen traditionell starke Kirche, nicht nur die einflussreiche Intellektuellenschicht, sondern auch eine veritable Arbeiterbewegung, die in allem dem Marxschen Ideal entsprach – bis auf die Ideologie, versteht sich.

Wenn Solidarność ein Alkoholverbot verhängte, hielten sich die Bürger daran

Die Arbeiterklasse hörte Radio Free Europe, verehrte Reagan und den Papst. Ihr politisches Zentrum war die große Werft in Danzig, nach Wladimir Iljitsch Lenin benannt. Während der Werftarbeiterstreiks existierte in der ganzen Stadt eine Art Doppelherrschaft. Solidarność hatte beispielsweise ein Alkoholverbot verfügt, und alle hielten sich daran.

Er habe als polnischer Patriot das Kriegsrecht verhängt, um einem sowjetischen Einmarsch zuvorzukommen, so verteidigte sich Jaruzelski später. Das nahmen ihm damals viele in Polen ab, auch weil es zu seiner Person passte. Als Spross polnischen Uradels war er 1939 mit seinen Eltern erst vor den Deutschen, dann vor den Russen nach Litauen geflohen; als die Russen dort einrückten, deportierten sie die Familie. Im Jahr 1941 schloss sich der Zwanzigjährige polnischen Truppen an, die unter sowjetischem Kommando gegen die Deutschen kämpften, anschließend machte er militärisch und politisch Karriere, zählte aber nie zur russophilen Fraktion der kommunistischen Partei; er war Nationalist wie die meisten Kommunisten Polens.

Das Kriegsrecht als Notbremse, diese Auslegung fand 1981 auch im Westen einigen Anklang. Den Entspannungsexperten in der SPD galt Stabilität mittlerweile mehr als Selbstbestimmung, und "die Polen waren die Ersten, die mit dieser Logik sozialdemokratischen Sicherheitsdenkens konfrontiert wurden", wie später der Historiker Heinrich August Winkler schrieb.

Helmut Schmidt, damals Bundeskanzler, war Ende 1981 gerade auf DDR-Besuch, als die Nachricht vom Kriegsrecht in Polen kam; seine Reaktion: "Herr Honecker ist genauso bestürzt gewesen wie ich, dass dies nun notwendig war." Die DDR-Führung teilte in der Tat die Ansicht, Jaruzelski habe den Einmarsch verhindert, was sie aber in Wahrheit gar nicht gut fand. Eine Militäraktion wäre den Berliner SED-Genossen lieber gewesen als die Ersetzung der Parteiherrschaft durch ein Militärregime.