Als Navid Kermani 2012 den Kleist-Preis erhielt, war Norbert Lammert sein Laudator. Am vergangenen Freitag nun hatte der Bundestagspräsident den Schriftsteller eingeladen, in einer Feierstunde im Bundestag zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes zu sprechen. Schon dass ein Schriftsteller im Hohen Haus sprach, war bemerkenswert; dass es einer muslimischen Glaubens war, der neben dem deutschen auch den iranischen Pass hat, war ein historisches Datum. Navid Kermani wurde also die Deutung des Grundgesetzes, dieser Heiligen Schrift unserer freiheitlichen Gesellschaft, anvertraut. Es war eine Sternstunde.

Kermani scheute kein Pathos. Gleichzeitig machte er die intellektuelle Substanz des Grundgesetzes so anschaulich, wie es ein mitreißender Pfarrer mit einer Bibelstelle tut. Er schwärmte, aber er war auch von schneidender Klarheit, als er die Änderung des Asyl-Paragrafens von 1993 einen "hässlichen Fleck" nannte, von dem er hoffe, er möge zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes bereinigt sein (an dieser Stelle kein Applaus von der Union). Die Einwanderungsgeschichte seiner eigenen Familie ließ er wirkungsvoll einfließen, ja, er drückte dabei auf so vornehm-ergreifende Art auf die Tränendrüse (seine eigene Stimme schien zu zittern), dass man manche Abgeordnete schluchzen zu hören meinte.

Dabei war das Ganze nie staatstragend im schlechten, routinemäßigen Sinne, dazu war seine Rede zu kämpferisch, vor allem in ihrer dramatischen Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik. Sie war aber auch exzentrisch. Kermani hat 1999 ein Buch über die Schönheit des Korans verfasst: Gott ist schön . Diese ästhetische Rechtfertigung der Religion hatte etwas sehr Einladendes, Antifundamentalistisches. Die Schönheit kann man verkennen, verleugnen kann man sie nicht. Man kann sie preisen, sie verlangt aber keine unbedingte Gefolgschaft. Dass Gott uns durch seine Schönheit verführt, ist ein schöner, liberaler Gedanke. Diesem Muster folgte Kermani auch in seiner Bundestagsrede: An die Stelle des Korans rückte nun das Grundgesetz. Kermani konnte kaum mehr an sich halten, wenn er dessen Schönheit, ja "Vollkommenheit" pries. In schwärmerischem Neuplatonismus war das Schöne das Gute und das Gute das Schöne.

Die Würde des Menschen sei unantastbar, lautet der erste Satz des Grundgesetzes. Es sei, heißt es dann weiter, Verpflichtung der staatlichen Gewalt, sie zu schützen. Mit einem Paradox, rief Kermani entzückt aus, setze das GG ein, mit einer poetischen Redefigur! Beide Sätze zugleich, so Kermani, können nicht wahr sein, aber sie können sich aneinander bewahrheiten!

Man muss ein ausgeprägtes Formbewusstsein haben, um bei einer solchen Gelegenheit so genau den Ton zu treffen: Wie schnell kann das Lob phrasenhaft, die Kritik effekthascherisch klingen! Der Höhepunkt aber kam erst noch: Nachdem Kermani die enorme Integrationskraft des Grundgesetzes gerühmt hatte, wollte er im Namen nicht aller (gewiss nicht der NSU-Opfer), aber doch vieler Einwanderer sagen: "Danke, Deutschland!" Man muss vorher viel an intellektueller Substanz geboten haben, damit dieser Schlussstein einer Rede nicht kitschig klingt. Gänsehautatmosphäre, Standing Ovations.