Hilfe in großer Krise

Meine Kinder sind beide im 15. Lebensjahr in schwere Krisen geraten; der Ältere bekam vom Psychologen bescheinigt, dass er den schulischen Anforderungen überhaupt nicht mehr gerecht werde. Auslöser war vor allem die Scheidung von meinem Mann. In dieser verzweifelten Situation suchte ich als Mutter Beratung und Hilfe.

Nachdem wir Sonderschulen und Jugendhilfeeinrichtungen angeschaut hatten und nichts richtig passte, fuhren wir zur Odenwaldschule. Noch auf der Rückfahrt fragte mich mein Sohn, ob ich ihn Vokabeln abfragen könnte – er wollte im Einstufungstest nicht so schlecht abschneiden. Beim ersten Besuch war der Lernwille wieder geweckt worden! Und so ging es weiter. Inzwischen hat er einen großen Teil seines Rückstands aufgeholt, nächstes Jahr wird er Fachabitur machen, wenn alles gut geht. Auch mein jüngerer Sohn hat sich auf der Odenwaldschule in kürzester Zeit normalisiert, nachdem er zeitweise sogar in der Jugendpsychiatrie behandelt werden musste.

Die Odenwaldschule hat auf ihre Fahnen geschrieben: "Werde, der du bist!" Das ist nicht nur ein Werbeslogan, es ist eine Intention, die gelebt wird. Der Unterricht geht von den vorhandenen Ressourcen der Schüler aus, nicht von den Defiziten. Die Schüler bekommen ständig Rückmeldungen, die Kommunikation funktioniert. Das Personal arbeitet verantwortungsbewusst und sehr sorgfältig.

Für mich als Betroffene hat die erschreckende öffentliche Diskussion nichts zu tun mit dem realen Leben auf der Odenwaldschule. Alle Schüler kennen heute die Problematik, niemand würde wohl mehr schweigen, wenn er belästigt würde.

Rike Kolhepp hat zwei Söhne auf der Odenwaldschule

Förderung für Kreative

Meine 16-jährige Tochter hat schon einen ziemlich starken Charakter. Wenn jemand versuchen würde, sie zu belästigen, würde sie das nicht zulassen und mir sofort davon erzählen. So etwas kann leider überall passieren, nicht nur an der Odenwaldschule. Ich glaube sogar, dort achtet man wegen der Vergangenheit besonders darauf, dass es nicht wieder vorkommt.

Deshalb hatten wir keine Bedenken, als unsere Tochter nach zwei Probetagen an der Odenwaldschule enthusiastisch nach Hause kam und unbedingt dorthin wollte. Sie war begeistert davon, endlich ihren Gestaltungsdrang ausleben zu können. Zusätzlich zum Unterricht macht sie dort nun eine Ausbildung zur Mediengestalterin, sie hat zum Beispiel die Weihnachtskarte der Schule entworfen. Diese Möglichkeit hätte sie so an kaum einer anderen Schule in Deutschland gehabt. Auch das Lernen in kleinen Klassen gefällt ihr gut, ebenso der fachübergreifende Projektunterricht. Unsere Tochter erscheint uns glücklich und unbeschwert, ihr Alltag leidet nicht unter der düsteren Vergangenheit der Schule.

Von außen wird die leider ganz anders gesehen, und das stört langsam auch unsere Tochter: Kürzlich war sie am Wochenende zu Hause und hat in der Zeitung einen großen Bericht gefunden, in dem es um eine mögliche Schließung ging. Dass "ihre" Schule geschlossen werden sollte, hat sie entrüstet. Auch wir finden, dass die Schulleitung bei dem jüngst bekannt gewordenen Fall eines Lehrers mit womöglich pädophilen Neigungen konsequenter hätte handeln sollen, selbst wenn er kein Kind belästigt hat. Aber dass gleich eine Schließung diskutiert wird, entrüstet uns auch.

Carl Otto Schills Tochter ist seit 2013 auf dem Internat

Eine Art Heimat

Bevor er an die Odenwaldschule kam, wurde mein Sohn extrem gemobbt. Alles, was mit Lernen und Leistung zu tun hatte, löste Stress und Anspannung bei ihm aus. Nach drei Wochen an der Schule sagte er: "Mama, weißt du eigentlich, dass Schule richtig Spaß machen kann?" Ich habe inzwischen zwei Kinder an der Oso, und für beide ist sie eine Art Heimat geworden. Das ist mir wichtig. Denn nur wer Verankerung spürt, kann sich entfalten und lernen.

Die Odenwaldschule setzt auf die Stärken der Kinder und hält ihnen nicht ständig ihre Schwächen vor. Für Kinder, die sich zurückziehen und dem Lernen verweigern, ist der enge Kontakt zu den Lehrern meist die letzte Rettung. Deshalb war für mich das gemeinsame Zusammenleben in den Wohnhäusern immer auch ein wichtiges Argument für diese Schule. Lehrer und Schüler verbringen viel Zeit miteinander, das schafft Vertrauen.

Vertrauen aber braucht Nähe, und Nähe gibt es jetzt an der Oso immer weniger. Längst sind die Lehrer so verunsichert, dass sie sich lieber zurückhalten, anstatt sich auf die Kinder einzulassen. Sie fragen sich inzwischen, ob es schon eine Grenzverletzung ist, wenn sie einem Kind einen Geburtstagskuchen backen oder wenn sie einen Schüler trösten, der sich das Knie aufgeschlagen hat. Das ist traurig. Sollte es zur Abschaffung des Familienprinzips kommen, wie das im Moment überlegt wird, wird sich die Odenwaldschule sehr verändern. Ich würde mir für meine Kinder eine Schule wünschen, in der man ohne Angst vor Nähe, aber mit dem notwendigen Respekt voreinander zusammenleben kann.

Die Mutter zweier Kinder möchte anonym bleiben

Zu naiv?

Ich war selbst an der Odenwaldschule und wurde dort von zwei Lehrern sexuell missbraucht. Das war zwischen 1968 und 1975, zwischen meinem 15. und 20. Lebensjahr. Den Missbrauch verband ich jedoch mit diesen einzelnen Lehrern, nicht mit der Schule, der ich einiges an Selbstvertrauen und Stärke zu verdanken habe. Als sich dreißig Jahre später meine Tochter für die Odenwaldschule entschied, war längst keiner der beiden Lehrer mehr an der Schule, und ich ließ sie hingehen.

2010 wurde dann bekannt, in welchem Umfang der Missbrauch damals stattgefunden hatte. Da hat auch mich sehr vieles schockiert. Ich war erleichtert, dass meine Tochter kurze Zeit später ihr Abitur machte. Sie hatte sich immer an der Schule wohlgefühlt, und auch ihr hat die Zeit dort Selbstvertrauen und Stabilität gegeben. Trotzdem habe ich mich gefragt: War ich zu naiv, als ich sie dorthin geschickt hatte? Denn einer der Grundpfeiler der Pädagogik in der Odenwaldschule, die familienartige Nähe zwischen Lehrern und Schülern, hatte den Missbrauch begünstigt. Und diese Nähe gab und gibt es noch immer.

Während der letzten Jahre hat die Leitung der Odenwaldschule behauptet, die damalige Schule sei ganz anders gewesen als die heutige, aber das stimmt nicht. Dass die Odenwaldschule vor allem mit den Missbrauchsfällen in Verbindung gebracht wird, könnte sogar Lehrer mit pädosexuellen Neigungen anziehen. Wenn sich an dem System nicht grundlegend etwas ändert, würde ich heute jedem davon abraten, seine Kinder an die Odenwaldschule zu schicken.

Adrian Koerfer ist Vorsitzender des Opfervereins Glasbrechen