Sie kommt nicht zur Ruhe, die Odenwaldschule im idyllischen Oberhambachtal, seitdem vor vier Jahren das erschütternde Ausmaß des Missbrauchsskandals an die Öffentlichkeit kam. 137 Betroffene haben sich gemeldet, die in den siebziger und achtziger Jahren an der Schule sexuell missbraucht wurden. Die Dunkelziffer wird auf 500 Opfer geschätzt. Die einstige Vorzeigeschule steht nun unter verschärfter Beobachtung. Und das zu Recht, wie die vergangenen Wochen zeigten: Ein Lehrer, der 2011 an die Schule kam und als sogenanntes Familienhaupt eine Wohngruppe von Schülern betreute, gestand den Besitz von kinderpornografischem Material auf seinem Computer. Er wurde entlassen. Eine weitere Lehrerin soll mit Schülern in ihrer Wohnung Partys gefeiert haben. Kinder sollen bei ihr übernachtet haben. Sie wurde beurlaubt. Vorwürfe gibt es auch gegen einen Kinderarzt, der Schüler unangemessen berührt haben soll. Nach einer Prüfung durch die Staatsanwaltschaft wird aber nicht ermittelt.

Viel Vertrauen ist in den letzten Wochen verloren gegangen. Vertrauen, das wechselnde Schulleitungen mühsam versuchten aufzubauen. Präventionskonzepte wurden erarbeitet, die die Odenwaldschule zur sichersten Schule in Deutschland machen sollten, wie man Eltern und Schülern verkündete. Sicher ist jetzt nur noch, dass sie das mit Sicherheit nicht ist.

Was bleibt, ist das ungute Gefühl, dass noch immer vertuscht und verharmlost wird. Dass es der Schule auch heute noch an Transparenz und Offenheit fehlt, die aufgrund ihrer Geschichte oberstes Gebot sein sollten. Das Krisenmanagement im Falle des Lehrers, der Kinderpornos besaß, jedenfalls lässt einige Fragen offen. Warum durfte er Familienhaupt einer Wohngruppe bleiben, obwohl es längst Hinweise von Schülern gab, die auf ein gewisses seltsames Verhalten aufmerksam machten?

Die Wohngruppen, auch Familien genannt, sind das Herzstück der Odenwaldschule. Eines der wenigen Überbleibsel ihrer reformpädagogischen Tradition. Dass Lehrer und Schüler sich nicht nur im Unterricht begegnen, sondern zum Teil auch in einem Haus sehr nah beieinander leben, wird seit Jahren von Schul- und Jugendämtern und dem Opferverein Glasbrechen kritisiert. Die Familie sei die Keimzelle des systematischen Missbrauchs gewesen. Niemand könne ausschließen, dass sie auch heute noch Lehrer mit pädophilen Neigungen anziehe. Doch die Odenwaldschule hielt am Familienprinzip fest. Bis jetzt! Denn nun gibt es zum ersten Mal Überlegungen, Lehrern keine Betreuungsaufgaben mehr zu übergeben und die Strukturen in den Wohnhäusern grundsätzlich zu überdenken. Einigen Eltern gefällt diese Entwicklung nicht. Dass ihre Kinder auf der Odenwaldschule wieder Motivation fürs Lernen gefunden haben, führen sie auch auf die Nähe zu den Lehrern zurück. Egal. Die Odenwaldschule hat keine Wahl mehr. Denn längst geht es nicht mehr darum, einen Ruf zu retten, es geht ums nackte Überleben.