Das Leiden aller muss von allen anerkannt werden

Einen kurzen Moment schloss Jorge Bergoglio die Augen, presste Finger und Daumen gegen die Stirn, als sei ihm schlagartig klar geworden, wie viel Druck sich in dem riesigen Raum aufgebaut hatte. Am vergangenen Samstag in Bethanien, an der Taufstelle Jesu im heutigen Jordanien, hatten sich etwa 600 Menschen in einer Kirche versammelt: Priester, Nonnen, Flüchtlinge, Schwerstkranke, Helfer. Ein elfjähriger Leukämiepatient erzählte von seiner Angst, durch die Chemotherapie die Haare zu verlieren; eine irakische Christin berichtete von der Höllenfahrt ihres Heimatlandes in den Fundamentalismus; ein geistig Behinderter schleppte sich mühsam die Stufen zum Stuhl des Pontifex hinauf. Zu einer Rollstuhlfahrerin stieg Franziskus dann selbst hinunter.

Das Ereignis war vorbereitet, und trotzdem haftete ihm etwas sympathisch Unbeholfenes an. Weil nicht alles wie am Schnürchen klappte, weil es keinen medialen Höhepunkt gab, keine Umarmung mit Staatschefs, keine kühnen Gesten an symbolischen Orten. Es ging am Beginn der Papstreise ums Zuhören, um die Grundübung menschlicher Anteilnahme. Das historische Bild dieser Reise entstand einen Tag später: Franziskus, im Gebet versunken, den Kopf an die Mauer gelehnt, die die Israelis für einen Schutzwall und die Palästinenser für eine Gefängnismauer halten. Schweigend, betend, trauernd. Es war eine simple und doch gewagte Einmischung in den klinisch toten Nahost-Friedensprozess.

Sie passte zur neuerlichen Intervention des Papstes in die Flüchtlingspolitik. Er wolle die "Globalisierung der Gleichgültigkeit" bekämpfen, hatte er im Juli 2013 bei seiner ersten Auslandsreise nach Lampedusa gesagt, Europas Rettungsinsel, umgeben von einem Seefriedhof für die Ertrunkenen. Schon da bewies Franziskus ein Gespür für Symbolik, als er vor Anwohnern, Seeleuten, Touristen und gestrandeten Afrikanern eine Messe mit einem Fischerkahn als Altar und einem Ruderteil als Hirtenstab hielt. Im violetten Gewand der Buße bat er die Ertrunkenen und seinen Gott um Vergebung für Europas Sünde der Abschottung.

Im Unterschied zu Europa ist der Nahe Osten keine Gegend, deren Bürger man beim Thema Flüchtlinge der Gleichgültigkeit bezichtigen könnte. Sie haben zu ihnen ein intensives, ein brutal unsentimentales Verhältnis. Viele mussten selbst fliehen, andere haben ihre Nachbarn vertrieben, und einige waren beides: Jäger und Gejagte. Der Libanon, kleinstes Nachbarland Syriens und größtes Auffanglager mit über einer Million syrischer Flüchtlinge, ist voller Geschichten der Vertreibung. Jordanien und der Rest des Nahen und Mittleren Ostens kennen die Geschichten auch. Irgendwo findet hier immer ein Exodus statt.

Kein Papst kann so etwas verhindern. Aber er kann den Fatalismus der internationalen Politik bloßstellen. Das hat Franziskus in Jordanien getan, indem er die Aufnahme von über 600.000 syrischen Flüchtlingen in dem kleinen Land lobte – und dann die internationale Gemeinschaft davor warnte, Syriens Nachbarländer mit der Krise allein zu lassen. Jorge Bergoglio hätte es bei dieser Mahnung belassen können. Stattdessen absolvierte er ein Besuchsprogramm, das jedem Diplomaten den Angstschweiß ins Gesicht getrieben hätte, weil es gespickt war mit heiklen Stationen. Man kann die Route auch einfach als eine Nacherzählung von Flucht und Vertreibung der vergangenen Jahrzehnte lesen. Auf die Begegnung in Bethanien mit den Opfern der aktuellen Gewalt in Syrien und im Irak folgte sein Besuch im palästinensischen Flüchtlingslager Dheisheh bei Bethlehem, in dem manche Bewohner bis heute die Schlüssel der Häuser in Hebron und Jerusalem aufbewahren, aus denen ihre Großeltern 1948 im israelisch-arabischen Krieg vertrieben wurden.

Am Montag dann stand Franziskus in Jad Vaschem, Israels Holocaustgedenkstätte. Dort hielt er eine ungewöhnliche Trauerrede, die den Klageruf "Adam, wo bist du?" variierte. Damit erinnerte der Papst an Primo Levis Überlebensbericht aus Auschwitz (Ist das ein Mensch?) und klagte die Mörder an. Spektakulär war, dass er mehrfach "wir" sagte, wenn er von den Mördern sprach. "Wir" aber bedeutet bei einem Papst zunächst: wir Christen. Die Rede war eine Selbstanklage, ein Schuldbekenntnis. Franziskus rief so die ganze Geschichte des Antisemitismus auf. Reuevoll und voller Trauer verneigte er sich vor den Juden als älteren Glaubensbrüdern. Sein Credo: Das Leiden aller muss von allen Anerkennung finden, damit ein Ausweg aus der Gewalt möglich wird.

Versöhnung gelingt nicht, wenn die Gegner nur verhandeln

Kann der Glaube etwas, was die Politik nicht kann? An der Trennmauer zwischen Israel und Palästina sah es so aus. Palästinensische Parolen kamen aus den Lautsprechern, als der Papst still seine Hand auf die Mauer legte und betete. Es war keine anklagende Geste, sondern eine Klage. Nur eine Stunde später lud er Mahmud Abbas und Schimon Peres zum Friedensgebet in den Vatikan ein. Beide sagten zu. Die Geste an der Mauer in Bethlehem wiederholte Franziskus einen Tag später an der Klagemauer. Auch hier legte er die Hand an den Stein und versenkte sich still ins Gebet.