Es gibt Einladungen, die man nicht ausschlagen kann. Es gibt Freundschaftsgesten, gegen die ein Politiker sich nicht wappnen kann, weil sie ihn unvorbereitet treffen, denn sie widersprechen jeder politischen Vernunft. An diese Vernunft aber muss ein Religionsführer sich nicht halten, das ist sein Vorteil, und Papst Franziskus hat ihn auf seiner Reise in den Nahen Osten schamlos ausgenutzt.

Überraschend lud er die Präsidenten Israels und Palästinas, zwischen denen offiziell Funkstille herrscht, zu einem Friedensgebet nach Rom ein. Zum Abschluss einer Messe in Bethlehem sagte er mit entwaffnender Freundlichkeit: "An diesem Ort, wo der Friedensfürst geboren wurde, möchte ich Sie, Herr Präsident Mahmud Abbas, und Sie, Herr Präsident Schimon Peres, einladen, gemeinsam mit mir zu beten und von Gott das Geschenk des Friedens zu erflehen." Als Ort bot der Papst sein Haus im Vatikan an. Diese Bitte abzuschlagen wäre höchst unhöflich gewesen. Dafür war sie zu demütig (Wir wollen doch nur Frieden!), zu fromm (Wir werden bloß beten!) und zu intim (Ich öffne euch die Tür zu meiner Wohnung!).

Abbas und Peres konnten gar nicht anders, als dankend zuzusagen. Eine Sensation, denn erst vor wenigen Wochen hatten Israel und Palästina alle Friedensgespräche entnervt abgebrochen. Unversöhnlich schienen die Interessen der jüdischen Siedler, die den Ministerpräsidenten Netanjahu zur Unnachgiebigkeit drängten, mit den Interessen der radikalen Hamas, die ihrerseits Abbas beknieten, sich ihnen anzunähern. Dagegen ist Papst Franziskus zwar ebenso machtlos wie der gescheiterte Vermittler John Kerry. Er kann weder die Siedler noch Hamas bekehren. Realpolitisch hat er keine Chance – symbolpolitisch schon.

Indem Franziskus das Trennende ignorierte, brachte er es für einen Moment zum Verschwinden. Er streckte die Hand zu einer Friedensgeste aus, und auch wenn es tausend Gründe gibt, zu zweifeln, mussten die verfeindeten Parteien die Hand ergreifen. Wird das reichen?

Die Realisten winken ab, zumal Peres nur noch bis Juli Präsident ist. Die Optimisten dagegen glauben: Beten hilft. Es hat ja auch früher geholfen, zuletzt im Jahr 1989: Die Friedensgebete allein brachten die Mauer zwischen Ost und West nicht zum Einsturz. Es waren dazu auch harte politische Faktoren nötig, unter anderem eine Ausreisewelle, eine kritische Masse an Demonstranten und ein Moskauer Parteichef Michail Gorbatschow. Aber die Gebete halfen, dass die Revolution friedlich verlief und dadurch am Ende gelang.

Da hilft nur noch beten: Der Satz bedeutet im Deutschen, dass gar nichts mehr hilft und alles hoffnungslos ist. Bei Franziskus bedeutet beten, dass es immer Hoffnung gibt, auch in der Politik. Das kann man naiv finden. Aber seine gelungene Einladung zeigt, dass er recht behalten könnte. Einfach, weil er an den Frieden glaubt.

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