In diesem Wirtschaftskrimi läuft es bisher nur für den Baron richtig gut. Während einstigen Weggefährten gerade einer der größten Untreueprozesse des Landes gemacht wird, galoppieren die Rennpferde des Familiengestüts Schlenderhan und des eigenen Rennstalls von Sieg zu Sieg, die Cracks Ivanhowe und Guardini sollen vielleicht sogar im Herbst beim berühmtesten Pferderennen der Welt, dem Prix de l’Arc de Triomphe in Paris, starten. Allein das Nenngeld beträgt da einige Tausend Euro, aber was sind schon einige Tausend Euro für den Baron Georg von Ullmann? Für ihn scheint die Zeit stillzustehen seit jener Ära, als die Privatbank Sal. Oppenheim nicht das Bild von Gier und Betrug nährte, sondern in Köln und der Welt ein Inbegriff von Reichtum und Luxus war. Ullmann lässt sich heute wie einst feiern. Auf Fotos von Siegerehrungen fehlt nur die obligatorische Zigarre im Mundwinkel. Doch sein euphorischer Gesichtsausdruck deutet an: Wird schon auch wieder kommen.

Der Baron war mal einer der wichtigsten Banker des Landes, als Aufsichtsratsvorsitzender von Sal.Oppenheim, als stellvertretender Vorsitzender des Aktionärsausschusses und auch sonst vielfältigst verstrickt in die dubiosen Vermögensstrukturen der Bank. Wie dubios, wie verbrecherisch diese Strukturen waren und wie sehr verantwortlich für die Pleite der Privatbank im Jahr 2009, wird seit mehr als einem Jahr im Saal 210 des Kölner Landgerichts aufgearbeitet. 67 oft quälend lange Sitzungstage waren es inzwischen unter Vorsitz der Richterin Sabine Grobecker, und ein Ende ist nicht abzusehen. Auf den Anklagestühlen sitzen zwei adlige Familienmitglieder des Barons, Schwager Matthias Graf von Krockow und Christopher Freiherr von Oppenheim, daneben noch die beiden weiteren persönlich haftenden Gesellschafter Friedrich Carl Janssen und Dieter Pfundt sowie die schwarze Eminenz, der Vermögensverwalter Josef Esch.

Allein Georg von Ullmann fehlt, obwohl nur wenige daran zweifeln, dass das Trio Esch, Graf Krockow und eben Baron Ullmann das Herzstück dieser Kriminalgeschichte bildet. Alle, auch Georg von Ullmann, weisen die Anschuldigung zurück, die Bank vorsätzlich geschädigt zu haben. Doch während die einstigen Kollegen von der verdammten Vergangenheit belästigt werden, kann sich der Baron an diesen Gerichtstagen der Zukunft seiner Pferde widmen.

Die Kölner Staatsanwaltschaft formuliert offiziell eine merkwürdige Begründung für das Fehlen des Barons: "Die Ermittlungen gegen Herrn von Ullmann dauern an." Merkwürdig deshalb, weil gegen sämtliche Angeklagten ebenfalls zahllose weitere Ermittlungsverfahren laufen.

Die Aufarbeitung des Zusammenbruchs der Privatbank ist eine Monsteraufgabe, allein die beschlagnahmten Computerdateien entsprechen rund 150 Millionen ausgedruckten Seiten. Es geht um die Pleite des Arcandor-Konzerns und das krakenartige System von Josef Esch, in dem sich viele gierige deutsche Millionäre und Milliardäre verfingen und am Ende die ganze Bank zappelte. Kein Tag in dem Prozess, an dem der Name des Barons nicht fällt. Er ist der große Abwesende. Und längst das Objekt des Zorns der Anwälte anderer Angeklagter. So formulierte Felix Dörr, Rechtsbeistand des Bankmanagers Pfundt, man habe durch die Konzentration auf die hier angeklagten Personen "einen Zustand erreicht, der eine Aufklärung des Sachverhalts ungeheuer erschwert".

Hauptsache, die Angeklagten belasten sich gegenseitig

In Wahrheit ist das Fehlen des Barons ein prozesstaktischer Schachzug der Staatsanwälte, die schon früh davon gesprochen hatten, dass angesichts der Dimension des Kriminalfalls eine innovative Ermittlungsführung nötig sei. Ziel schien von Anfang an zu sein, die geschlossene Phalanx der Angeklagten auseinanderzureißen und in ein Wolfsrudel zu verwandeln, jeder gegen jeden, alle gegen einen, Hauptsache, einer belastet den anderen und womöglich auch Baron von Ullmann.

Spätestens seit vorvergangener Woche hat sich gezeigt, wohin diese Strategie führt. Christopher Freiherr von Oppenheim verlas eine 40-seitige Erklärung, in der er nicht nur von den anderen Angeklagten abrückt. Es ist eine Art Lebensbeichte geworden, ein Geständnis der besonderen Art.

Christopher von Oppenheim, Jahrgang 1965, galt in der Bank stets als Junior im Schatten des Vaters. Alfred von Oppenheim, genannt Alfi, hielt alle Fäden in der Hand und, wie man heute weiß, alle Unheilsfäden auch. Im Gegensatz dazu der Sohn: blass im Gesicht, eher dandyhaft gekleidet, ein Weltfremder, ein Sanfter. Einer, der immer mit dem Zweifel seiner Weggefährten leben musste: Versteht der Junior was vom harten Bankgeschäft? Als Alfi 2005 starb, vermuteten viele, Christopher werde in dessen Fußstapfen versinken.