An diesem Image sind schon Generationen von Dynastie-Nachfahren zugrunde gegangen. Doch nun, in der Stunde juristischer Not, macht der Freiherr eine Tugend daraus. Das harte Bankgeschäft? Nein, das war nie was für ihn. Jetzt mimt er den weichen Sohn, das ahnungslose Kind.

Viele der prominenten Zeugen haben schon bessere Zeiten erlebt

Er wolle mit dieser Erklärung "auch die Erkenntnisse aus dem bisherigen Prozessverlauf" verarbeiten, schreibt von Oppenheim, und er unternehme dies "als der Träger des Namens der ehemals größten deutschen Privatbank, der sein gesamtes Vermögen für ihr Überleben eingesetzt und am Ende wohl verloren hat". Er habe nie eine "initiative oder gestaltende Rolle" besessen, im Gegenteil habe er sich "Informationen über die Führung der Bank" regelrecht abholen müssen, er habe sich "abgeschnitten" gefühlt. Er habe kaum persönlichen Kontakt zu den superreichen Kunden gehabt. Man habe ihn meist erst in wichtige Abläufe eingeweiht, "wenn die Entscheidungen bereits getroffen waren". Das Klagelied gipfelt in einer Selbstbeschreibung, für die er die dritte Person samt Adelstitel wählt: "Christopher Freiherr von Oppenheim war eben nicht wie sein Vater der Mittelpunkt des Bankgeschehens, das Schwergewicht, an dem alles und jeder vorbeimusste, der Entscheider und Bankier, ohne den nichts ging."

Nebenbei gibt Oppenheim Einblicke in ein Zerwürfnis innerhalb der Bankfamilie, die aus den Familienstämmen Lindenallee (Oppenheim) und Schlenderhan (Ullmann, Krockow) besteht. Nach dem Tod des Vaters habe es Versuche gegeben, ihn aus der Bank herauszudrängen. Es sei mit Unterstützung von Esch eine Machtverschiebung zum Stamm Schlenderhan betrieben worden. Ein schlechter Tag für Baron Ullmann und ein guter für die Staatsanwälte. Denn Freiherr von Oppenheim räumte am Ende ein, möglicherweise "nicht uneingeschränkt dem Wohle des Bankhauses" gedient zu haben. Sich selbst werfe er vor, die Auseinandersetzung mit der Schlenderhaner Dominanz gescheut zu haben, was "vielleicht auch meinem Naturell geschuldet" sei.

Der Oppenheim-Prozess ist einer der größten Wirtschaftsprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik. Auch eine Menge Prominenz versammelte sich im Zeugenstand, die meisten davon hatten schon bessere Zeiten gesehen. Madeleine Schickedanz etwa, die ausführlich erzählte, wie sie ihr gesamtes Vermögen im Arcandor-Esch-Oppenheim-Sumpf verlor.

Auch der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, inzwischen regelrecht gejagt von Gerichtsvollziehern, war kurz da, allerdings nur um zu sagen, er verweigere die Aussage. Der Goldman-Sachs-Banker Alexander Dibelius hatte da andere Probleme, er bat die Richterin um Nachsicht, wenn er sich bei der Beschreibung der Dimensionen der Geschäfte seiner Bank mit dem Oppenheim-Arcandor-Esch-Komplex um "100 oder 200 Millionen Euro" vertue. Besonders aufschlussreich war der Auftritt des Schickedanz-Gatten Leo Herl, der zugleich ihr Generalbevollmächtigter ist. Er führte den Begriff "Papierlage" in die Verhandlung ein, was veranschaulichen sollte, dass seine Frau und er immer ganz viel unterschrieben haben, was nach den Worten von Josef Esch aber nichts zu bedeuten hatte, man solle sich nur auf ihn verlassen, dann werde alles gut. Die Richterin ließ sich die schon berühmt gewordene Szene im Flugzeug nochmals schildern, als Frau Schickedanz ihr gesamtes Vermögen verpfändete. Auf die Frage, ob er und seine Ehefrau all die Urkunden gelesen hätten, antwortete er: Nein. Dafür erinnerte er sich an das folgende Zitat, das in diesem Flugzeug fiel: "Das ist, wie wenn Sie eine Uhr ins Pfandhaus bringen und sie morgen wieder abholen."

Viel Platz für Empörung also, aber darum geht es nicht im Gerichtssaal. Es geht um den Paragrafen 266 des Strafgesetzbuches, der den Tatbestand der Untreue formuliert. Untreue ist die vorsätzliche Schädigung des Vermögens anderer, für die man Verantwortung trägt. Genau dies könnte bei der unterschiedlichen Motivlage der Angeklagten noch ein Problem für das Gericht werden. Christopher von Oppenheim hat in seiner Erklärung konkret auf ein Frankfurter Immobilienprojekt verwiesen, bei dem die Bankfamilie das eigene Geschäftswohl möglicherweise vor das Wohl der Bank gestellt hatte. Was aber könnte dann das Motiv der beiden anderen persönlich haftenden Gesellschafter Pfundt und Janssen gewesen sein, die gar keine anderen Geschäfte am Laufen hatten?

Wie auch immer, den Angeklagten stehen vermutlich düstere Tage bevor. Und irgendwann wird auch den Baron die Vergangenheit einholen.