Die vier Frauen waren nicht allein ins Rathaus gekommen, es war, als trauten sie sich nicht. Als hätten sie Angst vor den bohrenden Fragen und vor ihren eigenen, schmerzhaften Antworten. Sie hatten Unterstützung dabei, 80 Kollegen vom Allgemeinen Sozialen Dienst, kurz ASD, verharrten vor dem Saal, drei Stunden lang. So lange dauerte die Sitzung des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses Yagmur am 15. Mai. Nach drei Stunden umringten die ASD-Mitarbeiter auf dem Weg nach draußen ihre Kolleginnen wie ein Rudel, das die Schwächsten in ihrer Mitte vor Angriffen schützen muss.

Im Grunde gingen die Angriffe ja gegen sie alle, so fühlten sie es jedenfalls. Von "Anklageschrift" und "Misstrauenskultur" war in einem Brief die Rede, den sie vor der Sitzung dem Ausschussvorsitzenden André Trepoll, CDU, übergeben hatten. "Wenn alle Menschen Fehler haben, ist dies bereits implizit, und es stellt sich die Frage, warum in einem Hochrisikobereich, der unter öffentlicher Betrachtung und Bewertung steht, von Fehlern gesprochen werden muss", schrieben die ASD-Mitarbeiter da. Und sie fragten: "Wer definiert, was ein Fehler ist?"

Ja, wer eigentlich? Wer kann das noch sagen, kann den Fehler ermessen nach dem Grauen, das der dreijährigen Yagmur zugestoßen sein muss, bevor sie am 18. Dezember 2013 an einem Leberriss starb? Das Kind lebte seit vier Monaten wieder bei seinen Eltern, das Jugendamt hatte es trotz etlicher Warnsignale von der Pflegemutter dorthin zurückgebracht. Als Yagmur im Dezember zum letzten Mal ins Krankenhaus kommt, zählen Ärzte 80 Blutergüsse und Abschürfungen und stellen einen schlecht verheilten Armbruch fest. Sie sprechen das Furchtbare aus: Ein Kind ist zu Tode geprügelt worden.

Angeklagt wegen Mordes ist die eigene Mutter, der Prozess beginnt am 11. Juni. Die Staatsanwaltschaft sieht das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt.

Wer definiert da noch, was ein Fehler ist? Wer hat dafür noch Worte?

Seit dem 6. März bemüht sich darum ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss (PUA), und seit dem 6. März bringt jede Sitzung neues Entsetzen mit sich über das kollektive Versagen eines Apparats. Am kommenden Dienstag, den 3. Juni, erhofft sich der PUA endlich Schlüsse über die Fehler des Jugendamts. Dann werden die Vorgesetzten der mit Yagmurs Fall befassten ASD-Mitarbeiter geladen. Die Mitarbeiter selbst waren zwar im Schutze ihrer 80 Kollegen im Ausschuss erschienen, hatten dort aber die Aussage verweigert – gegen sie läuft ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren. Ihr Schweigen hatte bei vielen für Ärger gesorgt.

"Ich respektiere selbstverständlich das Recht auf Aussageverweigerung", sagt der Ausschussvorsitzende Trepoll. Aber hätte das wirklich sein müssen? "Es geht dem Ausschuss doch nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Sondern darum, die Fehler eines Systems aufzudecken", sagt Trepoll. "Dazu sollten alle ihr Mögliches tun."

Die Zeit drängt: Weil der PUA Yagmur seine Arbeit bis zum Ende der Legislaturperiode abgeschlossen haben muss, muss sein Bericht bis Januar 2015 vorliegen. Die Ausschussmitglieder haben also nicht einmal ein Jahr Zeit, um die Fehler zu finden, die dazu führen, dass in Hamburg immer wieder Kinder durch Gewalt und Vernachlässigung sterben müssen. Zum Vergleich: Der PUA Elbphilharmonie hatte drei Jahre, um Fehler beim Bau eines Konzertsaals aufzuklären. Trepoll und die anderen Ausschussmitglieder haben allein in diesem Jahr 20 Sitzungen, mehr als doppelt so viel wie ein normaler Fachausschuss der Bürgerschaft.