Eigentlich wollte Christian Grimm selbst ins Weltall fliegen und die Erde von oben sehen. "Als kleiner Junge habe ich alle Bücher über die Mondlandung verschlungen, die ich finden konnte", erzählt er. Noch heute kann er auswendig hersagen, welche Apollo-Mission wie viele Geräte auf den Mond geschafft hat und was die Russen so auf dem Trabanten hinterlassen haben.

Astronaut ist Grimm bislang nicht geworden. Doch bald schickt er eine faszinierende Maschine in den Weltraum. Das hochgerüstete Gerät in der Größe eines Schuhkartons soll ins All fliegen, dort weich auf einem Asteroiden landen und sich umsehen. Es soll damit einen Beitrag leisten zur Beantwortung einer sehr bedeutenden Frage: Wie kam eigentlich das Leben auf die Erde?

Als Raumfahrtingenieur leitet Christian Grimm die Tests an Mascot, dem Mobile Asteroid Surface Scout. Grimm arbeitet am Bremer Institut für Raumfahrtsysteme, einem dunklen Kubus im Norden der Stadt. Die braunen Fliesen an den Außenwänden des Gebäudes tragen orangefarbene Seriennummern und erinnern so an die Hitzeschutzkacheln, mit denen die Nasa die Unterseite ihrer Spaceshuttles verkleidet. Im Foyer hängt das Panorama einer rot-staubigen Marslandschaft an der Wand; Leuchtstreifen an den ansonsten schwarz gestrichenen Wänden und Treppen weisen den Weg zu diversen Laboren und Test-Arealen.

In wenigen Tagen muss Mascot fertig sein. Jetzt schon fertig sind seine Konstrukteure, ein Team aus rund 30 Mitarbeitern, von denen kaum einer älter als 40 Jahre ist. "Ich habe das letzte Mal vor zwei Tagen geduscht und geschlafen", ruft ein Ingenieur im Vorbeigehen, bevor er in einem der schwarz gestrichenen Institutsgänge verschwindet. Alle, die an dieser Zweigstelle des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt arbeiten, wollten etwas mit Weltraum machen.

Auch Christian Grimm hatte die Raumfahrt stets im Hinterkopf, während er erst eine Ausbildung zum Elektroniker bei Airbus absolvierte und dann Ingenieurwesen studierte. Nach einigen Praktika setzte er noch einen Space Master obendrauf, ein Spezialprogramm mehrerer europäischer Universitäten für weltraumbegeisterte Studenten. Jetzt, mit 31 Jahren, trägt Grimm in Bremen dafür Sorge, dass Mascot da oben im Weltall ordentlich funktionieren wird.

Vor der Tür zum Fertigungsraum liegen Socken auf dem Boden, aus den Spinden der Mitarbeiter lugen Ärmel hervor. In schweren weißen Kitteln und mit Überschuhen, Mundschutz und Haarnetz ausgestattet, schlurfen Forscher durch die Labortür. Mascot wird in einem staub- und keimfreien Reinraum gebaut. Bei der Suche nach Leben im All möchte man keine Mikroben finden, die man von der Erde selbst eingeschleppt hat. Der Reinraum sieht aus wie ein Chemiesaal, ist aber so groß wie eine Turnhalle. Überall schrauben Vermummte an kleinen Maschinen, beobachten Computerbildschirme, verlöten Schaltkreise und testen Messinstrumente. Auf einem grauen Werktisch steht ein schuhkartongroßer Metallkasten: Mascot. Seine Wände sind mit spezieller goldener Folie ausgeschlagen, sie schützt vor den extremen Temperaturen im Weltraum. In der Box finden eine Kamera, ein Infrarotmikroskop, ein Magnetometer und ein Radiometer Platz. Die Instrumente sollen unter anderem die Oberflächentemperatur und -zusammensetzung des Asteroiden untersuchen.

Im Inneren des Kastens ist auch ein mechanischer Arm untergebracht, an dessen Ende ein Gewicht hängt. Da die Schwerkraft auf dem Asteroiden nur ein Sechzigtausendstel der Erdgravitation beträgt, kann eine Rotation des Arms Mascot in Bewegung versetzen. Anders ausgedrückt: Mascot kann über den Asteroiden hopsen. Mit einem Sprung kann er mehr als 100 Meter zurücklegen.

"Wir müssen natürlich aufpassen, dass er nicht zu hoch springt, Fluchtgeschwindigkeit erreicht und ins All abhebt", erklärt Christian Grimm durch seinen Mundschutz. Das sichere Landen ist überhaupt seine Passion. Schon seine Abschlussarbeit hat der Ingenieur über eine Radkonstruktion geschrieben, die es Raumsonden ermöglicht, sicher auf weichen planetarischen Böden aufzusetzen. Im Bremer Institut steht eine Testanlage, die solche Böden simulieren kann – ein riesiger Sandkasten, über dem ein Roboterarm hängt. Er hebt die Fahrzeuge bei ihren Testfahrten von oben leicht an, um geringe Schwerkraft zu simulieren.

Mascot soll auf einem Asteroiden bestehen, dessen Durchmesser kaum einen Kilometer beträgt. Entsprechend unterscheiden sich die Bedingungen auf dem Himmelskörper von denen auf der Erde. Gegenstände fallen viel langsamer zu Boden, es wird mal kälter als minus und mal wärmer als plus 70 Grad Celsius. Genau dieses Denken in nichtirdischen Kategorien reizt Grimm und seine Kollegen.

Um Mascot auf seine Mission vorzubereiten, ist Christian Grimm mit ihm auf Parabelflügen geschwebt. Er hat ihn auf einem Shaker kräftig durchrütteln lassen, denn so ein Raketenstart zerrt heftig am Material. Er hat ihn von einem Fallturm aus 150 Meter tief in ein Becken mit Styroporbällchen geworfen, er hat ihn der simulierten Weltraumkälte und der Sonnenhitze ausgesetzt. Mascot hat alles gut ausgehalten.

Bald wird er nach Japan geschickt und dort vermutlich noch dieses Jahr in einen kleinen Satelliten gesteckt, der mit einer Rakete ins All geschossen wird. Vier Jahre wird der Satellit unterwegs sein, bis er sein Ziel, den Asteroiden 1999 JU3 im Sonnenorbit, erreicht. Dann wird Mascot aus seinem Taxi kippen, 100 Meter tief fallen und nach einer halben Stunde des Trudelns hoffentlich sanft landen. Er wird fotografieren, horchen, analysieren und seine Daten an den Satelliten senden. Mascot ist künstlich intelligent, also so programmiert, dass er selbst entscheiden kann, wann er ein Foto schießt oder losspringt. Dabei achtet er darauf, seine Ressourcen nicht zu verschwenden.

Der Asteroid 1999 JU3 ist circa 4,5 Milliarden Jahre alt – damit stammt er aus einer Zeit, in der sich das Sonnensystem und die Erde gebildet haben. Er enthält Kohlenstoff, ein unverzichtbares Element für biologisches Leben, wie wir es kennen. Wissenschaftler glauben, dass ein kleiner Himmelskörper wie 1999 JU3 in der Frühzeit des Sonnensystems durch einen Zusammenstoß den Lebensbaustein Kohlenstoff auf die Erde gebracht haben könnte. Mascot und sein Muttersatellit sollen helfen, diese Theorie zu untersuchen. Der Satellit wird sogar Bodenproben zurück zur Erde bringen. Bei Mascot hingegen gehen nach rund 16 Stunden die Lichter aus. Dann ist seine Mission erfüllt, und er wird zu Weltraumschrott.

Christian Grimm wird nicht dabei sein, wenn Mascot im Jahr 2018 aus seinem Maschinenschlaf erwacht. Die Mission führt ein anderes Institut durch. Traurig scheint der Testleiter deshalb nicht zu sein. Seine schönste Berufserfahrung, sagt Grimm, sei es, eine Maschine zum Leben zu erwecken. Eine Konstruktion in die Welt zu setzen. Was sie dann auf einem Himmelskörper untersuche, sei ihm nicht so wichtig, da sei er ganz Ingenieur. "Hauptsache, sie funktioniert!" Ob er nicht selbst doch mal hochwill? Ja, vielleicht bewerbe er sich irgendwann einmal bei den Astronauten. Grimm überlegt kurz, dann fügt er ganz nüchtern hinzu: "Aber es ist doch auch sehr schön, auf der Erde Sachen zu bauen, die dann in den Weltraum fliegen."