Etwas hier ist sonderbar; es fällt aber nicht gleich auf. Die Fischerklause wirkt erst mal wie ein normales Ausflugslokal im Grünen: hinterm Haus eine Terrasse mit Blick auf den See. Auf der Karte norddeutsche Küche von der Büsumer Krabbensuppe bis zum Aal mit Bratkartoffeln. Aber wer hat den Tafelspitz und die Semmelknödel hineingeschmuggelt? Was macht die Flasche aus Simbabwe in der Weinvitrine? Und der geschäftige Herr da, sichtlich der Chef, woher kennt man den bloß?

Vielleicht aus einem Weltklasse-Restaurant – Eckart Witzigmanns Aubergine zum Beispiel oder Gordon Ramsays gleichnamigem Restaurant in London. In beiden Häusern war Gerhard Retter lange tätig, als Serviceleiter und Sommelier. Oder aus dem Fernsehen; dort bewirbt er neuerdings H-Milch, die bekanntlich fast so lang hält wie guter Bordeaux. Er lächelt milde, wenn man ihn mit den erwartbaren Scherzen traktiert: "Das bisschen Spott halte ich aus."

Den gab es sicher auch, als er vor fünf Jahren beschloss, aufs Land zu ziehen. Die Eltern seiner Frau und Geschäftspartnerin suchten Teilhaber. Nun ist aber der Lütjensee, 30 Kilometer außerhalb der Hansestadt gelegen, nicht der Starnberger See Hamburgs. Und die Stammkundschaft der Fischerklause hätte für Haute Cuisine wenig Verständnis aufgebracht. Also möbelt Retter das Lokal nur sehr behutsam auf. Setzt Klassiker aus seiner österreichischen Heimat mit auf die Karte. Bringt Charme in den früher arg robusten Service. Und vergrößert das Weinangebot – schätzungsweise um das Fünfzigfache.

Vom Blick in die Weinkarte ist abzuraten; man taucht daraus nie wieder auf. Besser, man bekommt den quirligen Patron zu fassen und überlässt ihm die Wahl. "Ich mach was Schönes", flötet er dann, schon zwei Tische weiter. Es kommt aber daraufhin wirklich was Schönes. Vielleicht ein saftiger württembergischer Muskattrollinger für den Aperitif auf der Terrasse. Vielleicht ein trendiger steirischer Naturwein, der sich zum Matjes verblüffend gut macht. Vielleicht auch ein chininhaltiger Moscato, der allein schon durch seine Existenz verblüfft.

Die Weine, teils aus Retters Privatsammlung, sind Grund genug, hier rauszufahren und am besten gleich ein Zimmer zu buchen. Die früher unambitionierte Küche hält immer besser mit. Diesmal gibt es ein Wiener Schnitzel, das man auch in Wien kaum besser bekäme. Außerdem eine herzhafte Bratwurst vom Wildschwein mit Spitzkohl und Kartoffelpüree. Das Fleisch dafür hat der Seniorchef mit seinen Jagdgefährten in Mecklenburg erbeutet. Am besten schmeckt das Dessert, eine federleichte Himbeer-Rhabarber-Schnitte mit hausgemachtem Sauerrahmeis. Man nippt am Schweppes-Wein, der dazu auf unerklärliche Art passt. Draußen zwitschern die Vögel mit; die Sonne versinkt überm See.

Und der Fisch? Schon richtig, dies ist ein Fischlokal. Aber gerade da liegt nicht seine Stärke. Forelle blau, Seezunge Müllerin ... meist mit schnöden Salzkartoffeln und reichlich zerlassener Butter – die Rezepte von anno dazumal sind offenbar sakrosankt. Die etwas hart gebratene Maischolle schmeckt vor allem nach Speck. Spaß macht nur das einzige zeitgemäße Fischgericht: ein Zanderfilet auf Spargelspitzen und Püree von frischen Erbsen.

Vielleicht sollte Gerhard Retter die Fischerklause in Jägerklause umtaufen. Der Wald beginnt ja gleich neben dem Haus. Auch einem Werbevertrag für Dauerwurst stünde dann nichts mehr im Wege.


Zur Fischerklause, Am See 1, Lütjensee. 04154/79 22 00, www.fischerklause-luetjensee.de. Geöffnet freitags bis mittwochs von 11.30 bis 21.30 Uhr, im Winter auch mittwochs geschlossen. Hauptgerichte um 23 €