Der Bergmann Murat Yalçın ist ein leiser Mann. Er sitzt im Wohnzimmer seines Hauses in Kırkağaç, keine 15 Kilometer von Soma entfernt. In dem Wohnzimmer ist es fast so still wie überall in Soma dieser Tage. Neun Tage ist es her, dass in der Mine von Soma 301 Kumpel gestorben sind, und er ging fast mit ihnen.

Yalçın ist schmal und sehnig, er trägt ein blaues Hemd und eine braune Hose. Seine Frau Hülya sitzt neben ihm, die dreijährige Tochter Dicle auf dem Schoß. Wenn der 36-Jährige von dem Unglück erzählt, spricht er mit sanfter Stimme. Nichts deutet darauf hin, dass er für viele in der Türkei ein Held ist, ein Symbol. Ein Symbol für alles, was schiefläuft im Staate von Premierminister Recep Tayyip Erdoğan.

"Nein, Rettungsräume gab es nicht. Und auch die Förderbänder für die Arbeiter funktionierten an diesem Tag nicht", erinnert sich Yalçın. "Unser Vorarbeiter sagte, wir sollten auf Gottes Hilfe vertrauen, dass wir es rausschaffen." Irgendwann sei er in Ohnmacht gefallen. Das Nächste, woran er sich erinnern könne, sei, wie er rausgetragen wurde. "Ich wünschte, die anderen hätten es auch geschafft. Der Tod ist Allahs Wille, er hat gegeben, er hat genommen. Allah razı olsun." Wie ein Mantra sagt er das, immer wieder.

Es war gegen ein Uhr nachts, als Yalçın aus der Mine von Soma gerettet wurde. Helfer begleiteten ihn zu einem Rettungswagen, sein Gesicht war pechschwarz, ebenso seine Kleider. Eine Kamera nahm den Moment auf, als sich Yalçın auf die Trage des Rettungswagens setzte, sich zu der Krankenschwester neben ihm wandte und den Satz aussprach, der ihn berühmt machte im ganzen Land:

"Soll ich meine Stiefel ausziehen, damit die Liege nicht schmutzig wird?"

Die Krankenschwester schaute kurz verstört, schüttelte den Kopf, nein, nein, vergiss die Liege.

Dieser eine Satz löste eine tagelange Debatte in der Türkei aus. Wie könne es sein, dass ein Mensch, der beinahe gestorben wäre, offenbar glaube, er sei weniger wert als ein weißes Laken? Medien und Politiker, die Nutzer von Twitter und Facebook feierten Yalçın als Helden von Soma, der allen vor Augen führe, dass das Land für die Privatisierung und den Turbokapitalismus einen furchtbaren Preis zahle. Dass der Wirtschaftsaufschwung die Armen nur ärmer machte. Und demütiger.

Regierungskritische Twitter-Nutzer schrieben: "Deine kohleschwarzen Stiefel, mein Freund, sind das Sauberste in diesem Land."

Aber auch Regierungsanhänger beanspruchten Murat Yalçın als ihren Mann: Solange es solche guten Menschen in der Türkei gebe, könne der Regierung niemand etwas anhaben.

Neun Tage nach der Katastrophe ist Murat Yalçın nicht wütend, sondern dankbar. Er ist dankbar für all das, was andere für Selbstverständlichkeiten halten würden. Er ist dankbar, dass Rettungsmannschaften kamen und Ärzte. Und Politiker. Er ist dankbar, dass sie für Leute wie ihn kamen.

"Ich danke unserem Premierminister Erdoğan, unserem Staatspräsidenten und unserem Energieminister", sagt Yalçın. "Tagelang haben sie sich für uns aufgerieben. Ich küsse ihre Hände. Ich bete dafür, dass unserem Staat, unserem Volk nicht Schlimmes widerfahre."

In die Politik, sagt er, mische er sich nicht ein. Er habe doch nur ein kleines Leben.

In Soma, wo die AKP, die Partei des Ministerpräsidenten, bei den letzten Kommunalwahlen fast 45 Prozent der Stimmen gewann, stößt man eine gute Woche nach einem der schwersten Arbeitsunfälle in der Geschichte der Türkei nicht unbedingt auf Wut. Im Gegenteil. Die trauernden Menschen lassen sogar Flugblätter dubioser islamischer Sekten auf den Gräbern ihrer toten Väter, Ehemänner und Brüder liegen. Flugblätter, die verkünden, es gehöre zum Islam, sich seinem Schicksal zu fügen.

Man fragt sich, wie der Prophet Mohammed die Religion verbreiten und Kriege hätte führen können, wenn er sich seinem Schicksal gefügt hätte.