Vielleicht wäre er ein Wunderkind geworden, wären da nicht so viele Geschwister gewesen und wäre er nicht in einer so einsamen Gegend aufgewachsen. Denn als Fünfjähriger versetzte er seine Umwelt mit ungewöhnlichen Fähigkeiten in Erstaunen. Der Kinderfrau zufolge ging ein Zauber von ihrem hochempfindsamen "Porzellankind" aus, das sie allen vorzog. Damit etwas Solides aus ihm würde, wurde er mit elf Jahren in ein Eliteinternat gesteckt. Ein traumatischer Abschied von der vergötterten Mutter, die bald darauf starb. Mit zwanzig war er ein gewissenhafter Bürovorsteher, der gelernt hatte, seine Hypersensibilität hinter der Maske eines charmanten Gentleman zu verstecken und sich auch nach reichlichem Alkoholgenuss unter Kontrolle zu halten. "Man hat einen Beamten aus mir gemacht, und zwar einen schlechten", schrieb er, nun wolle er ausprobieren, ob er doch noch verwirklichen könne, was er als wahre Berufung empfand.

Dieser widmete er sich mit ungeheurem Arbeitseifer erst nebenher und nach dem Studium ganz. Die Arbeit sei seine Rettung, sie helfe ihm, seine Emotionen "zurückzudrängen". Doch gründet sein Ruhm gerade darin, dass er Gefühle zum Ausdruck bringen und andere anzusprechen vermochte. Gefühle, die er in seinem Leben in ein Schattendasein verbannte. Zunehmend rastlos, menschenscheu, nervös, sehnte er sich nach Erlösung durch Liebe. Doch eine Heirat endete schon Tage später in einer Katastrophe: Er hatte sich verstrickt in die Parallele von Realität und Fiktion. Mit der Gefühlskälte des Helden eines Werks, an dem er arbeitete, wollte er nicht identifiziert werden. Die ungewöhnliche Beziehung zu einer anderen Frau, die er nie sah oder sprach, ermöglichte ihm die finanzielle Freiheit, zu reisen und zu arbeiten. Als sie ihm die Unterstützung kündigen musste, hatte der Erfolg ihn unabhängig gemacht. Der plötzliche Tod des geehrten und weltberühmten Künstlers ist bis heute ein Rätsel: Wurde er wirklich Opfer einer Epidemie? Oder hatte er unvorsichtig das Schicksal herausgefordert? War es Selbstmord – von einem Ehrengericht befohlen? Oder aus Lebensüberdruss? Das "geheime Programm" seines letzten Werks, eine Woche vor seinem Tod uraufgeführt, klingt jedenfalls wie ein Requiem für ihn selbst. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 22:

Nicolas Sarkozy (geb. 1955 in Paris), konservativer französischer Spitzenpolitiker, war von 2007 bis 2012 Frankreichs Staatspräsident und ist in dritter Ehe verheiratet mit der Sängerin Carla Bruni. Man vergleicht ihn gern mit Napoleon