Als der tapfere Kämpfer Lapi seinen Speer in den Körper des Riesen Toulapoupou rammte, konnte er nicht wissen, dass einmal ein Mann mit randloser Brille am anderen Ende der Welt sich über ein Mikroskop beugen und in 400-facher Vergrößerung kleine Späne seiner Waffe untersuchen würde. Lapi lebte vor rund 800 Jahren auf der Pazifikinsel Nanumea. Er war der Enkel des legendären Tefolaha. Der war der erste Mensch gewesen, der seinen Fuß auf Nanumeas Boden setzte. Bei diesen ersten Schritten hatte er einen schwarzen Holzspeer bei sich – jenen Speer, mit dem sein Erbe Lapi später den Riesen niedermetzelte und so für Frieden und Freiheit auf der Insel sorgte.

Die Legenden von Tefolaha und von Lapis Kampf mit dem Riesen Toulapoupou werden seitdem von Generation zu Generation weitergegeben. Wie der Speer selbst. Für die Einwohner ist Kaumaile, so heißt die Waffe, ein heiliges Objekt, eine Reliquie aus der Zeit der Besiedlung ihrer Insel. Nur: Aus welchem Holz Kaumaile geschnitzt ist, wusste bislang niemand.

An dieser Stelle muss man die Südsee verlassen und zu dem Mann mit der randlosen Brille fahren. Der heißt Gerald Koch und arbeitet am Thünen-Institut für Holztechnologie und Holzbiologie im Hamburger Stadtteil Bergedorf. Neben seinem Computer steht ein Mikroskop, auf dem Rest seines Schreibtisches liegen säuberlich aufgereiht Holzklötze, Baumscheiben und einzelne Späne. In seinem Bücherregal stehen Titel wie Plenty Woods of Ghana, und in sein Holzarchiv hat Koch mehr als 50.000 mikroskopische Schnitte von Bäumen und Sträuchern nach Gattungsnamen einsortiert.

Koch ist Holzdetektiv. Ein Span reicht ihm, um langlebiges Bangkirai von billigem Ersatz zu unterscheiden oder einen Schrank aus streng geschütztem Rio-Palisander aus dem Verkehr zu ziehen. Holzdetektive wie Koch gibt es nicht viele auf der Welt.

Deshalb ließen amerikanische Anthropologen, die auf Nanumea die Kultur der Inselbewohner erforschten, Koch zwei Späne vom Speer zukommen. Mit der Analytik des 21. Jahrhunderts sollte er das Geheimnis lüften, das dieses hölzerne Relikt aus überlieferter Vergangenheit in sich birgt. Eine delikate Aufgabe. Denn naturwissenschaftliche Präzision und Legenden vertragen sich nur selten. Soll man einen solchen Sachverhalt überhaupt profan aufklären? Soll man riskieren, dass Hightech die Legende zerstört, die für die Identität des Inselvolks so wichtig ist?

Aus einem Nebenraum holt Koch die Proben. Die Holzstückchen, jedes knapp zwei Zentimeter lang, hat er nach der Untersuchung in eine Plastikdose gesteckt. Binnen einer Stunde hatte der Holzdetektiv den Spänen des Kaumaile das Geheimnis entlockt und die Baumart ermittelt, aus der die Waffe gemacht wurde: Es war das Holz der Schachtelhalmblätterigen Kasuarine (Casuarina equisetifolia), auch Kängurubaum genannt.

Das Holz der Kasuarine ist hart, dicht und schwer. Bestens geeignet für Waffen. "Die haben sich schon Gedanken gemacht, als sie den Speer geschnitzt haben", sagt Koch anerkennend. Die Kasuarine ist weit verbreitet, man findet sie in Australien, Thailand, auf den Philippinen und den Fidschi-Inseln. Nur auf Nanumea oder benachbarten Inseln findet man den Baum nicht. Kaumaile muss also tatsächlich aus der Ferne auf die Insel gekommen sein.