Das, was gleich passieren wird, passt nicht hierher, nicht in den Lesesaal der Royal Society of Medicine in London, nicht zu den Herren in britischen Anzügen und dem Earl Grey in feinen Porzellantassen, nicht zu dem gedämpften Licht und den noch gedämpfteren Unterhaltungen. Tal Golesworthy erhebt sich langsam aus dem schweren Ledersessel, zieht sein T-Shirt aus der Hose, um es dann mit beiden Händen hochzuziehen wie ein Rockstar. Hoch bis zum Kinn, damit sein Gegenüber die Narbe auf der Brust sehen kann, blassrosa, 25 Zentimeter lang, Golesworthys bestes Werbemittel. Sie zu zeigen heißt: Seht her, meine Idee funktioniert.

Golesworthy ist 57, ein Mann mit schiefen Zähnen, Sehschwäche, langen Armen und noch längeren Beinen, 1,93 Meter ist er groß. Alles Indikatoren für das Marfan-Syndrom, eine genetisch bedingte Bindegewebserkrankung, an der Golesworthy leidet. Vereinfacht kann man sagen, dass das Gewebe ausleiert, besonders gefährlich ist das fürs Herz- und Gefäßsystem: Die Hauptschlagader, Aorta, kann "aussacken", so nennen Mediziner das, oder es können Risse in der Gefäßwand entstehen, in der Folge platzt die Aorta, und der Patient stirbt.

Menschen mit dieser Krankheit bleibt normalerweise nicht allzu viel Hoffnung. Also ging Golesworthy mit der Logik eines Ingenieurs sein Problem an. Dachte wie ein Maschinenbauer, nicht wie ein Arzt darüber nach. Fand schließlich eine innovative Lösung. Testete sie an sich selbst. Und verblüfft damit bis heute viele Mediziner.

Unter seiner Brust befindet sich eine 25 Zentimeter lange Narbe

Golesworthy war sechs, als man die Krankheit bei ihm diagnostizierte, überrascht war er nicht, weil auch sein Vater ein Marfan war, 2,05 Meter groß, schlank, lange Gliedmaßen. Die Wahrscheinlichkeit, das Syndrom zu vererben, liegt bei 50 Prozent, der Grund, weshalb Golesworthy selbst keine Kinder will. Marfan kann heutzutage früh erkannt, aber nicht geheilt werden. Ärzte können operieren, etwa indem sie die Aorta ersetzen; bauen sie zusätzlich eine Kunstklappe ein, muss der Patient anschließend lebenslang blutverdünnende Mittel einnehmen. In der Folge kann es zu inneren Blutungen kommen. Tal Golesworthy, der siebenjährig sein linkes Auge verlor, weil er zu wild spielte, der mit 20 einen schweren Motorradunfall hatte und danach trotzdem auf einer Maschine Europa durchquerte, der Ski läuft und jeden Tag 38 Minuten joggt, hatte darauf keine Lust.

Viele seiner Vorträge beginnt Golesworthy mit dem Satz: "Ich kenne mich mit Verbrennungsanlagen aus, mit Fabrikfiltern und Boilern." Seit den späten siebziger Jahren beschäftigt er sich mit Kohle und Luftverschmutzung, National Coal Board, Abteilung Forschung und Entwicklung, zweimal gewann der Ingenieur Golesworthy den Smart Award für neue Bauteile, die er erdacht hatte, etwa eine intelligente Filterkontrolle.

Als 2000 klar wurde, dass seine Aorta nicht mehr lange halten würde, ging Golesworthy zu einem Infoabend des Marfan-Verbandes. "Irgendwelche Fragen?", hieß es am Ende des Vortrags, und weil Golesworthy eine Frage hatte, streckte er seinen langen Arm in die Luft: "Warum scannen Sie nicht die Aorta und modellieren mithilfe der Daten eine passgenaue Hülle?! Das Gewebe könnte sich nicht weiter ausdehnen." Seit dieser Infoveranstaltung arbeitet Golesworthy fünf Tage die Woche an seiner Idee, dem Personalised External Aortic Root Support, kurz PEARS. Ein neues Bauteil für eine Maschine, die schlapp zu machen drohte: den eigenen Körper.

Jetzt, wieder in dem schweren Ledersessel sitzend, sagt er: "Ich habe den Sinn meines Lebens entdeckt."

Auf Golesworthys T-Shirt ist dieses Bauteil zu sehen, das sich in seiner Brust befindet, unter der 25 Zentimeter langen Narbe, direkt an seinem Herzen: ein weißes, leicht gebogenes Rohr, das an ein U-Boot-Periskop erinnert. "Das bin ich", sagt Golesworthy und lacht, als hätte er gerade einen guten Witz gemacht, lacht laut in das zaghafte Klappern der Teetassen hinein. Das weiße Rohr-Modell ist die Ummantelung seiner Aortenwurzel, unter anderem ist Polyethylenterephthalat enthalten, kurz PET, aus dem auch Colaflaschen gemacht werden. Vor zehn Jahren hat sich Golesworthy dieses individuell angepasste Rohr einsetzen lassen. Auf dem Laptop, der aufgeklappt vor ihm steht, startet er ein Video der Operation: Die Kamera hält auf seinen Brustkorb, man sieht das Herz, sein Herz, und wie es sich auf und ab bewegt.

Aus dem Plastikbauteil der Idee an dem Infoabend ist inzwischen ein Unternehmen geworden, Exstent Limited heißt es, 42 Patienten sind seit 2004 mit einem individuellen Rohr-Modell versorgt worden. Jedes einzelne hat Golesworthy maßgeschneidert. Der Ingenieur reist von Medizinerkonferenz zu Medizinerkonferenz, überall präsentiert er seine Technik; eigentlich präsentiert er sich, ein besseres Argument, als am Leben zu sein, gibt es nicht. Einer seiner Vorträge ist auf der Ted-Talks-Webseite zu sehen, das Video wurde bislang mehr als eine Million Mal angeklickt. Am nächsten Tag wird Golesworthy im Saal hinter den schweren Ledersesseln vor mehr als 400 Gästen sprechen, die Royal Society of Medicine hat zum Innovationstreffen geladen. "Mein T-Shirt werde ich da morgen aber nicht anziehen", sagt er, "nicht vor den Herren Medizinern."