Eine Kreuzfahrt im Mittelmeer bietet dem Europäer grenzenlose Abwechslung. Vom Oberdeck schaut der Tourist auf malerische Dörfer, es geht vorbei an Lampedusa mit seinen knuspergelben Sandstränden. Historisch wertvolle Kulturschätze säumen die unvergessliche Reise, und die Sonne ist stets dabei. Das Mittelmeer ist das heimliche Herz des Abendlandes, die Römer nannten es mare nostrum. Tausende toter Körper liegen auf seinem schwarzen Grund, Menschen, die bei der Überfahrt von Afrika ins gelobte Land Europa ertranken. Frauen, Männer, Kinder. Das Mittelmeer ist Europas Massengrab; seine Toten haben keine Namen und ihre Tragödie hat kein Gesicht. Schönen Urlaub.

Elfriede Jelinek hat der europäischen Tragödie einen Prosatext gewidmet, er heißt Die Schutzbefohlenen, und vermutlich gibt es in der Gegenwartsliteratur nichts Vergleichbares. Das Werk ist ein großes ästhetisches Monument, eine himmelschreiende Klage von antikischer Wucht und Trauer. Das Prosastück der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin ist selbst wie das Meer, ohne Grund und Boden, ein reißender Mahlstrom und dunkler Abgrund, der alles verschlingt und als Sprachbrocken wieder an Land spuckt. In einem uferlosen Wortstrom sprechen die Toten über die Lebenden, die Hungernden mit den Satten, die Fremden mit den Heimischen. Ihre Stimmen fallen sich ins Wort, am Ende versinken alle in einem grauen Meer aus Zynismus und Schuld. Dann schweigt der Chor der Namenlosen, und das Schweigen ist das Grabmal auf dem Friedhof Europas. Die Schutzbefohlenen ist eine Tragödie in Prosaform, ein Fließtext im wahrsten Sinn des Wortes. Man kann ihn dem Publikum vorlesen, aber als Theaterstück scheint er unaufführbar. Wer ihn auf die Bühne bringen will, der muss den alles verschlingenden Sprachstrom trockenlegen. Und zerstören?

Der Regisseur Nicolas Stemann hat sich dennoch entschlossen, Jelineks Prosaflut bühnenreif zu machen und mit ihm das Mannheimer "Theater der Welt" zu eröffnen. Steman lässt drei Schauspieler den Text lesen, sie sprechen leicht versetzt und mit Synkopen, ihre Stimmen rennen um die Wette, sie sprechen miteinander, gegeneinander und übereinander, die Wörter lösen sich von den Figuren und tauchen ab in einen babylonischen Strudel. Das subjektlose Sprechen ist hautnah an Jelineks Idee, der Sprachfluss ihres Stücks ströme aus dem Weltinneren – nicht aus einem ominösen Ursprung, sondern aus der brutalen Realität Europas: der Behandlung von "Schutzbefohlenen" in Wien, Hamburg-Pöseldorf und anderswo, dem Tod der Bürgerkriegsflüchtlinge im Meer vor Lampedusa. Doch rasch stellt sich für Stemann eine Frage, die in Jelineks anonymer Prosaform überflüssig ist. In wessen Namen sprechen die weißen Männer auf der Bühne eigentlich? Handelt es sich um eine grundverlogene Herzensergießung, um Gratismoral in einer ästhetischen Sonderzone, in der alle leicht reden haben, weil sie nichts wissen von der lauernden Wut der Bevölkerung und den Zwängen des Asylrechts? Ein Schwarzer kommt auf die Bühne und nimmt seinen Schauspielerkollegen die Rolle weg, und im Handumdrehen entsteht – ein großartiger Einfall – eine bissige Rivalität zwischen den Anklägern. Plötzlich bekommen sie selbst Angst vor dem Fremden: Ist er nur ein "Stellvertreter"? Wer kommt noch alles nach, und was "nehmen die uns dann weg"?

Stemann verwandelt Jelineks Oratorium in eine grelle Revue, Gesetzesbücher regnen vom Bühnenhimmel auf die Flüchtlinge herab, ein fabrikneuer, mit viel Ingenieursfantasie konstruierter Stacheldrahtzaun für extratiefe Fleischwunden zerschneidet die Bühne, davor flattert verloren-verlogen die Europafahne und die Kanzel einer Kirche dient als Wachturm.

Auch die Opernsängerin und Putin-Verehrerin Anna Netrebkow kommt in dieser Co-Produktion mit dem Hamburger Thalia-Theater vor, und zwar als eine Art Premiumfremde, die überall – tolle Stimme! – sofort eingebürgert würde, während die Elenden aus Syrien von Frontex, der europäischen Küstenwache, zurück ins Meer gestoßen werden. Als müsse er das Unrecht noch beglaubigen, holt Stemann Mannheimer Asylsuchende auf die Bühne, und keiner von ihnen weiß, ob er in Deutschland bleiben darf. Die Tragödie verläuft hier zwischen abstraktem Recht und menschlichem Körper, zwischen den Asylgesetzen und den "Unangekündigten" – "alle Menschen sind gleich", alle leben auf demselben kleinen Erdball, aber nicht alle dürfen überallhin. An dieser Todeslinie, sagt Jelinek dem Zuschauer, zeige sich die Antike in der Moderne, das Unerträgliche unserer Gegenwart. Deshalb der Klagegesang der griechischen Tragödie, deshalb die Hiob-Frage der hebräischen Bibel: "Warum muss ich leiden?" In Aischylos’ Drama Die Schutzsuchenden, das Jelinek zitiert, stimmt das Volk übrigens für die Aufnahme der Flüchtlinge.