DIE ZEIT: Frau Schönefeldt, was hat sich für Sie verändert?

Maxi Schönefeldt: Das Schöne ist, dass sich hier eben nicht so viel verändert hat.

ZEIT: Wo leben Sie?

Schönefeldt: In Flemendorf, das ist ein Ort bei Barth, das wiederum ist eine kleine Stadt an der Ostseeküste, südlich vom Darß. Ist wunderschön.

ZEIT: Und was machen Sie da?

Schönefeldt: Ich bin in einer kleineren Praxis als Tierärztin angestellt – und damit so eine Art Prominente. Jemanden wie mich dürfte es dort eigentlich gar nicht mehr geben. Junge Akademikerinnen, noch dazu Landtierärzte, sind so etwas wie statistische Sensationen in dieser Region. So heißt es jedenfalls immer.

ZEIT: Stimmt das denn nicht?

Schönefeldt: Doch, doch, ich glaube schon. Als ich frisch hergezogen war, haben sich manche im Supermarkt nach mir umgesehen, sie guckten, als würden sie denken: "Sieh einer an! Dass wir hier auf eine junge, unbekannte Frau treffen!" Das liegt nicht nur daran, dass auf Dörfern normalerweise jeder jeden kennt; sondern auch daran, dass die jüngeren Frauen – wenn sie erst mal fort und an der Uni waren – meistens nicht zurückkommen. Mein Chef, der die Tierarztpraxis besitzt, wollte in unserem ersten Gespräch genau wissen, ob ich es ernst meine. Bis dahin hatte er nicht so gute Erfahrungen gesammelt. Einige seiner Angestellten kündigten nach relativ kurzer Zeit schon wieder und zogen weit weg, etwa nach Dortmund oder Hannover.

ZEIT: Werden Sie als junge Tierärztin besonders nett behandelt?

Schönefeldt: Machen Sie Witze? Meine Erfahrung ist die: Wer als Tierärztin hier leben will, der muss schon Nerven dafür haben, sich zu behaupten. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, dass die Männer mich testen.

ZEIT: Wie müssen wir uns diese Tests vorstellen?

Schönefeldt: Erst einmal besinnen sich viele auf ihre guten Manieren – da werden Türen und Tore im Stall aufgehalten, Kühe so festgeschnallt, dass beim Behandeln nichts passieren kann, und Papiertücher gereicht, wenn mich ein dreckiger Kuhschwanz streift.

ZEIT: Das soll ein Test sein?

Schönefeldt: Ja, ja, warten Sie es ab! Das ist nur die erste Phase. Wer will schon ständig das Mädchen sein, das beschützt werden muss? Solange die Herren mich hofieren, nehmen sie mich nicht richtig ernst. Einem Mann wird – auch wenn er sein Leben lang nur in der Großstadt gelebt hat – gleich zugetraut, mit Kühen umgehen zu können. Aber ich, die ich sogar auf dem Land aufgewachsen bin, muss mich erst beweisen. Ich kann verstehen, dass manche Frauen das blöd finden. Ich habe mich aber eher herausgefordert gefühlt.

ZEIT: Wie beweist man sich als Landtierärztin?

Schönefeldt: Da gibt es genügend Möglichkeiten. Ich habe mich zum Beispiel im Fressfanggitter bewährt. In diesem Gitter stehen die Kühe sehr dicht nebeneinander. Als Ärztin muss ich mich dazwischendrängeln. Kühe reagieren jedoch auf Druck mit Gegendruck. Da kann es schon passieren, dass ich zwischen zwei Tieren eingequetscht werde. Ungefährlich ist das nicht. Manche Männer eilen dann zu Hilfe, schieben die Kuh beiseite und sagen: "Kommse mal raus!"

ZEIT: Ist doch nett!

Schönefeldt: Aber so geht es natürlich nicht. Ich möchte mir nicht die Blöße geben, dass mich, die Tierärztin, ein Mann aus dem Kuhstall rettet. Ich habe also immer zugesehen, dass ich aus brenzligen Situationen irgendwie alleine rauskomme. Erst dann kann ich in Ruhe meine Arbeit machen. Einige Männer lassen es auch darauf ankommen, die stehen in der Ecke und gucken belustigt dabei zu, wie ich beispielsweise eine davonlaufende Kuh aufhalte.