Diese Wahl ist nicht weniger als eine Neubegründung der Ukraine durch das Volk. Nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 hatten die Eliten dieses eigentlich wohlhabende Land durch Misswirtschaft komplett von Moskau abhängig gemacht. Jetzt haben die Ukrainer erneut die Unabhängigkeit ihres Landes von Russland gewählt. Und diese zweite Unabhängigkeitserklärung macht es vielleicht möglich, mit Russland wieder von gleich zu gleich zu reden.

Das zeigt sich beim ersten Auftritt des neuen Präsidenten in Kiew. Ein russischer Journalist will wissen, wie Petro Poroschenko zu Russland steht. Der antwortet in perfektem Russisch, Moskau habe das Sicherheitssystem in Osteuropa zerstört. Die Beziehungen seien schlecht wie lange nicht. "Aber Russland ist unser Nachbar", sagt er versöhnlich. Poroschenko will schnell mit der russischen Führung reden, die ihm selbst wenige Stunden nach seinem Wahlsieg schon Gespräche anbietet. Doch dafür legt der neue Präsident sich und sein Land fest: "Wir werden nicht in die Zollunion mit Russland eintreten – wir wollen die Assoziierung und Annäherung an die EU."

Das ist das Ergebnis der ukrainischen Wahl, die Russland seit der Februarrevolution auf dem Maidan in Kiew mit allen Mitteln zu verhindern versuchte: Die Ukraine hat einen selbstbewussten Präsidenten, der weiß, was er will. Doch der Zustand seines Landes lässt zweifeln, ob Poroschenko auch dahin kann, wo er hinwill. Dies sind die vier Paradoxien des Neuanfangs: Der neue Mann – einer der einflussreichen Oligarchen der Ukraine – stammt aus der alten herrschenden Klasse. Er soll das gespaltene Land zusammenbringen, muss aber zugleich im Osten gegen gewaltbereite Separatisten kämpfen. Ausgerechnet er, dessen Produkte im letzten Jahr von Russland mit Sanktionen belegt wurden, muss nun den Ausgleich mit Putin suchen. Der Präsident muss den Krieg im Osten beenden, um den Weg nach Westen zu öffnen.

Ein Aufatmen geht durchs Land, seit die Wahl ohne tödliche Anschläge auf Wahllokale vorübergegangen ist. Die Ukraine hatte seit der Februarrevolution in den Abgrund geschaut. Das Land kämpfte um seine Existenz, bedrängt von seinem großen Nachbarn. Russland besetzte und annektierte die Krim. Der Moskauer Staatskonzern Gazprom erhöhte drastisch den Gaspreis. Russische Kämpfer sickerten in den Osten der Ukraine ein und besetzten gemeinsam mit ukrainischen Separatisten Rathäuser und ganze Städte. Der Kreml erkannte die Kiewer Regierung nicht an, sodass kein Gespräch möglich war – bis zum vergangenen Sonntag.

In der Abstimmung bewiesen die Ukrainer, dass sie wirklich eine Nation sind. Und dass sie allein über die Richtung ihres Landes bestimmen wollen. Dafür standen sie Stunden vor den Wahllokalen an. Wischten sich bei 30 Grad den Schweiß von der Stirn. Warteten geduldig, bis die Wahlhelfer die Wahlzettel einzeln beschrifteten und mit dem Lineal in zwei Abschnitte teilten. Manche weinten, wenn sie durch Fehler der Ämter nicht in den Wählerregistern standen. Viele waren in weißen Hemden mit bunter Stickerei gekommen, der ukrainischen Nationaltracht. Alte, Junge, Arbeiter, Fabrikbesitzer, Rentner, Studenten mit Smartphone oder Buch, Wasser und Proviant für die Warteschlange. "Ruhm der Ukraine" hieß der Gruß vor den Wahllokalen.

Ist die Ukraine eines der am wenigsten faschistischen Länder Europas?

Herausgekommen sind noch nicht einmal zwei Prozent für die in russischen Medien und deutschen Talkshows viel beschworenen ukrainischen Rechtsradikalen. Nach diesem Wahlsonntag steht die Ukraine vor aller Augen, welche Ironie, als eines der am wenigsten faschistischen Länder in Europa da. Auch die ehemalige Präsidentin Julija Timoschenko, die vielen zu radikal und rachsüchtig gegenüber Russland erschien, bekam nur 13 Prozent.

Herausgekommen sind 54 Prozent für den Besitzer der berühmtesten Schokoladenfabrik des Landes. Und wenn man fragt, warum, fällt die Antwort immer ähnlich aus wie die von Iwan Petrowitsch, eines Rentners, der in der Mittelschule Nummer 186 in Kiew wählte: "Wenn er so gute Pralinen macht, kann er was. Und dann wird er seine Sache auch gut für unser Land machen."

Petro Poroschenko, der heute 48-jährige Unternehmer, hat seinen Aufstieg in den neunziger Jahren mit der Schokoladenfabrik Roshen gemacht. Sein Vater leitet den Familienkonzern Ukrinvest, der Schiffe und Autos baut sowie mit Samen und Rüben handelt. Außerdem gehört ihm der Fünfte Fernsehkanal, ein wichtiger landesweiter Sender. Poroschenko war bereits Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrats, Außenminister und Wirtschaftsminister. Er ist Teil jener Elite, jener "Oligarchen", die das Land an den Abgrund gebracht haben. Doch jetzt will er es besser machen, und viele glauben ihm, nicht zuletzt weil er immer wieder im Streit mit reformunwilligen Präsidenten aus Ämtern geschieden ist.