Eigentlich ist die Sache logisch. Auf Wurstpackungen werden wir gewarnt vor Salz- und Fettgehalt. Das Fernsehen mahnt: nicht geeignet für unter 16. In Amerika: Diese Sendung enthält Sex und Gewalt. Der postmoderne Mensch soll sich nicht Bildern und Worten aussetzen müssen, die ihn verärgern oder verstören könnten. Warum nicht auch an der Universität?

An renommierten US-Hochschulen zirkulieren neuerdings Petitionen und Satzungsentwürfe, die "Achtung, schädlich!"-Etiketten im Lehrplan fordern. Die Studenten sollen wissen: Diese Bücher und Bilder können den Betrachter aufregen, gar "posttraumatischen Stress" erzeugen. Die New York Times zitiert Lisa Hajjar, die an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara lehrt: "Dahinter steht die Vorstellung, dass Studenten nicht unangenehmen Dingen ausgesetzt werden dürfen." Sie fügt hinzu: "Das ist absurd."

Nicht absurd genug. Denn aus dem Wellenschlag ist eine kleine Flut geworden, die Top-Unis wie Rutgers, Michigan und George Washington erreicht hat. Die "Theorie": Wir dürfen den zarten Seelen nichts zumuten, was sie aufregen oder schocken könnte. Dass wir uns nicht zu viel Salz und Zucker (wegen Blutdruck und Diabetes) einverleiben sollten, ist ein statistisch gut abgesicherter Ratschlag. Dass wir aber die Jugend vor gewissen Ideen und Bildern schützen mögen, ist eine Erfindung der Totalitären, die im Dienste der totalen Macht als Erstes die Gedankenkontrolle verfügen.

Das neue Bilderverbot, dozieren die Befürworter, entspringe freilich der fürsorglichen Nächstenliebe. Deshalb will die Studentenvertretung am Oberlin College alles kennzeichnen, was "das Lernen stören" und "Traumata auslösen" könnte. Gefährlich seien Texte, die Transsexuellen oder Rollstuhlfahrern Minderwertigkeit unterstellen. Ein populärer Roman über die Kolonialgeschichte Nigerias sei zwar okay, könne aber trotzdem "Leser traumatisieren, die Rassismus, Kolonialismus, Verfolgung, Selbstmord usw." erlebt haben.

Hier käme eine erkleckliche Liste zusammen. Anna Karenina wäre out, weil die Heldin sich selber tötet. Dito der Kaufmann von Venedig – Antisemitismus! Huckleberry Finn gehört auf den Index, weil in diesem Klassiker andauernd ein "Nigger" Jim auftaucht, der auch noch in die Hände von Sklavenhändlern fällt. Nabucco handelt ebenfalls von Versklavung, und Othello ist Rassismus vom Gemeinsten. Unter Verschluss gehören alle Werke, die vom Holocaust oder stalinistischen Terror handeln. Die Bibel sowieso, wird in der doch ausgiebig von Brudermord, Krieg und Menschheitsvernichtung (Sintflut) erzählt.

Absurd? Ernsthaft doziert die Dekanin des Oberlin College: Wer nun meine, dass die Studenten dergestalt verzärtelt würden, kapiere die Wirklichkeit nicht. "Wir haben hier Studenten mit echten psychischen Problemen, denen wir mit Respekt begegnen müssen." Das heißt: Die Uni ist nicht Ort der intellektuellen Konfrontation und Provokation, sondern ein Sanatorium, wo ruhiggestellt wird. Apropos Psychiatrie. Die Doctores klassifizieren das Bloß-nicht-Hingucken als pathologische "Apperzeptionsverweigerung". Wir wollen nicht sehen und hören, was unsere Gewissheiten aufmischen könnte. Valium für das Hirn und das Ende der Universität.