Was soll das denn sein, ein "vegetarisches Hotel"? Wer checkt da ein? Führt die Minibar Müsli? Regiert Dogmatismus? Hat man auf Yogamatten zu schlafen? Das Parkhotel Prinz Myshkin sieht nicht danach aus. Es liegt in München-Obermenzing. Am Rand. Nah am Botanischen Garten, zum Nymphenburger Schloss sind es vier Stationen mit der Tram. Für alteingesessene Münchner ist das beste Lage.

Eine breite Straße mit stattlichen Häusern in sanft verwilderten Parkanlagen. Wohngebiet mit Waldanschluss. Feinkost Wagner am Eck. Wer hier herkommen will, muss es ruhig mögen und angenehm haben wollen. Eine Gegend für Zierkirschen. Das Hotel, ein weißer Dreißiger-Jahre-Bau mit Flachdach und rundem Vorbau, steht leicht außerirdisch auf einer Bühne aus Jura-Kies.

Leicht wackelige Stilsicherheit; die Satellitenschüssel auf dem Dach ist das falsche Signal. Im Innern empfängt lässiger Chic den Gast. Schwarze Kaffeehausstühle, erdige Töne, Topfpflanzen in Fünfziger-Jahre-Retro-Regalen. Es sieht ein wenig aus wie im Eames-Haus in den Pacific Palisades in Los Angeles. In München.

Die Rezeption, ein Tisch eher, wirkt beiläufig platziert. Zwei edle Schallplattenspieler warten im Hintergrund auf einen DJ. Eine Platte von Gloria Gaynor lehnt im Regal. Ich sehe von hier in die Rotunde, ins Restaurant, ins Herz des Hotels. Es ist schon Abend. Ein langer Tisch mit Sitzbank steht da. Als sei man bei Freunden zu Hause. An der Theke, die im Halbkreis in den Raum schwingt, sitzen zwei junge Ladys in Hosenanzug und Kostüm und sprechen Russisch. Sonst ist nicht so viel los, auch weil gerade der FC Bayern gegen Real Madrid untergeht.

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Das Parkhotel Prinz Myshkin ist das einzige Haus in München, das in einer wachsenden Nische mitmischt. Es gehört der Hotelkooperation Veggie Hotels an, deren Mitgliedshäuser – weltweit 500, in Deutschland etwa 60 – strikt auf Fleisch und Fisch verzichten. Dazu gehören Ulrike’s Pension am Kurpark in Bad Sooden-Allendorf, aber auch das Fünf-Sterne-Haus Ayurveda Parkschlösschen in Traben-Trarbach. Das Parkhotel Prinz Myshkin hat 30 Zimmer und ist irgendwo dazwischen angesiedelt. Wo?

Der Name könnte ein Indiz sein. Das Prinz Myshkin ist nach Dostojewskis träumerischen Helden im Roman Der Idiot benannt. Ein guter Typ, der einen anderen Blick auf die Welt hat, aber damit scheitert. Um diese Pointe kann es beim Hotel ja schon mal nicht gehen.

Mein Zimmer ist angenehm zurückhaltend eingerichtet, nicht zu edel, nicht zu kühl. Ein kleiner Schreibtisch ist ins Eck geschoben, ein flacher Fernseher hängt an der Wand, dem hüfthohen Bett gegenüber, Möbel mit Palmendekor im Neo-Sechziger-Schnitt. In den Schrank passen Kleidungsstücke für gerade mal drei Tage.

Auf dem Weg ins Restaurant treffe ich Hotel-Chef Torsten Blüher. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, das ein wenig zu weit offen steht. Ein Kerl und ein Dandy. Wie ein Dogmatiker wirkt Blüher jedenfalls nicht. Im Hotelfach ist der 53-Jährige neu. Das Restaurant Prinz Myshkin in der Innenstadt aber hat er vor 30 Jahren mitbegründet, seit 1991 führt er es allein. Ein hipper Laden, den auch alte Damen aus Obermenzing kennen. Das Hotel ist so etwas wie dessen Dependance und die Erweiterung des Restaurants in die Nacht.

Der japanische Chefkoch Hiro Kitamura ist von dort übernommen. Souschef Philippe Weber, ein Halbfranzose, hat vorher im Münchner Sternerestaurant Le Deux gekocht. Ein interessantes Duo sind die beiden. Zu ihrem sechsgängigen Menü für 49 Euro gehören unter anderem Avocadosashimi, zweierlei Spargelcremesuppe mit Algenkaviar, Spargelragout mit gerührter Polenta, zum Dessert Warabimochi, Aloe Vera und Rambutan mit veganer Panna Cotta. Es schmeckt überraschend, fein, sehr gut. Selbst die Polenta ist eine kleine Sensation. Als glücklicher Vegetarier steige ich nach dem Essen in das perfekt hartweiche Boxspringbett mit Taschenfederkern.

Das Hotel ist eine Herberge im besten Sinn, ein Ort, an dem für das gesorgt ist, was man auf der Durchreise braucht. Einen Wellnessbereich sucht man dagegen vergebens. Einen Fitnessraum gibt es nicht. Nicht einmal eine Sauna. Auch keinen Room-Service. Dafür hat das Prinz Myshkin einen gut sortierten Weinkeller.

Nach einem tiefen Schlaf stehe ich am nächsten Morgen hellwach vor dem Badezimmerspiegel. Dort fällt mir auf, dass etwas seltsam ist in Obermenzing. Das Bett ist de luxe, das Bad mit Dusche eher nicht so. Ein Hotelbad eben, in dem man sich nicht lange aufhält. Sieht gebrauchter aus als der Rest. Es ist, als würde sich trotz der neuen Armaturen und Spiegel etwas durchpausen. Als sei eine neue Schicht über etwas gelegt, das nur widerwillig vergeht.

Tatsächlich hat das Haus eine Vorgeschichte, die einige Überbleibsel erklärt. Am Eingang hängt ein Foto aus den 1950ern, den besseren Zeiten des Hotels Edelweiß. Es wirkt darauf fast glamourös; sogar Elvis soll damals einmal hier abgestiegen sein. Zuletzt aber war das Haus eine eher biedere Drei-Sterne-Adresse für Handlungsreisende mit knappem Reiseetat. Dann kam Prinz Myshkin.

Heute sitzen Geschäftsleute aus der Schweiz beim Frühstück in der Rotunde. Eine Frau im Sportanzug. Zwei junge Männer, die wie Architekten aussehen, bestellen vegetarischen Strammen Max. Ein älterer Mann mit Schnauzbart tritt ein, Typ Vertreter. Ob er ein Edelweiß-Veteran ist?

Die Schweizer reden über Vegetarismus, dem sie allesamt nicht anhängen. Der vermeintliche Veteran greift beherzt zum Obstsalat. Die Frau holt sich zwei halbe Vollkornbrötchen. Ich nehme veganes Rührei aus Tofu, dem Chefkoch Hiro Kitamura, der auch für die erste Mahlzeit des Tages zuständig ist, Avocadoscheiben beigibt. Schade eigentlich, dass ich noch vor dem Mittagessen auschecken muss. An der Rezeption dann stellen sich letzte Fragen. Ob ich etwas aus der Minibar hatte? Schon, Schokolade. Müsli gab es ja nicht.