Hamburg ist eine wirklich liberale Stadt. Hier kann sogar ein Vampir zur Wahl antreten. Rote Augen, Fangzähne und dazu zwei neckische Teufelshörnchen, so schaute der CDU-Kandidat vom Wahlplakat. Der Vampir heißt eigentlich Dr. Roland Heintze, Scherzbolde hatten ihn zum Gespenst verunziert. Wirklich schrecklich aber war die Einsicht, dass Schmierereien das Bild nur aufgewertet hatten. Wenn einem der Europa- und Bezirkswahlkampf 2014 in Erinnerung bleiben sollte, dann unter anderem dank Dr. Heintze, der, wie man nun weiß, das Zeug zum Bela-Lugosi-Double hat.

Die Europawahlen liegen hinter uns. Die Bezirkswahl ist geschafft, der Wähler auch. Nicht einmal die Hälfte der Wahlberechtigten haben am Sonntag ihre Stimme abgegeben. Vor dem Hintergrund eines solchen Desinteresses sind Hamburgs Politiker nicht zu beneiden: Sie haben keine Zeit zum Luftholen, der nächste Wettbewerb startet bereits – der für die Bürgerschaftswahl im Februar 2015. Viele Themen sind brisant: die Verkehrsprobleme der Stadt, der Streit um die Stadtbahn. Die G-8/G-9-Kontroverse. Das Mittelmaß der Hamburger Hochschulen. Die Wohnungsnot. Die Zukunft des Hafens nach dem Urteil über die Elbvertiefung.

So wie bei den Bezirkswahlen kann es aber nicht weitergehen. Wir, die Wähler, wollen umworben und für die politische Sache eingenommen werden. Auch wenn es im Sinne der Demokratie wünschenswert wäre: Realistischerweise lesen viele die hölzern formulierten Parteiprogramme nicht, schon gar nicht im Detail. Plakate sind für Parteien immer noch eines der effektivsten Medien, ihre Ziele zu vermitteln. Deshalb brauchen wir, selbst wenn der Begriff im Zusammenhang mit demokratischer Willensbildung heikel ist, ein gutes, energisches Marketing, mit dem uns Parteien auf ihre Agenda aufmerksam machen.

Was dem Bürger in den letzten Wochen an Werbung zugemutet wurde, war jedoch unerträglich. Plump, bedeutungsleer, aufdringlich kam diese Bildkultur daher. Der Plakatewald kombinierte den Charme des Automatenpassbilds mit der Rhetorik des Stammtischs.

Die SPD präsentierte Kandidat Falko Droßmann vor einem überdimensionierten Stimmzettel. Er zeigte mit dem Finger auf die Stelle, wo gefälligst das Kreuz zu machen sei, als fände die Wahl in Nordkorea statt. Gibt ja in Hamburg eh nur eine Partei, die zählt. Erklären muss man ihre Inhalte offenbar nicht, die Hamburg-SPD ist wie Tesa oder Nivea: Das Logo zeigen, dann weiß jeder, was gemeint ist.

Die FDP warb mit "Nimm Dir die Freiheit. Wir sind da." Nehmen wir uns also mal die Freiheit: Liebe FDP, wenn ihr glaubt, von so einem Slogan würden wir uns ernst genommen fühlen, dann seid doch lieber nicht da. Und der CDU fiel ein: "Schneller ans Ziel. Geht." Klar. Aber wohin geht’s eigentlich?

So kann man mit intelligenten Wählern nicht umgehen. Es ist ja nicht so, dass die Menschen kein Interesse an ihrem Lebensraum und dessen Gestaltung hätten. Im Gegenteil: Hamburg ist die demokratischste Stadt Deutschlands, nirgends sonst sind die Bürgerrechte so stark ausgebaut wie hier. Mit dem Transparenzgesetz, das ab Oktober jedem erlaubt, öffentlich relevante Vorgänge in der Stadt online einzusehen, nimmt Hamburg eine Vorreiterrolle ein. Es waren die Bürger, die diese Rechte erstritten haben.

Umso wichtiger ist es, dass die Parteien uns ernst nehmen und uns das auch zeigen. Aufklärung und Design schließen sich eben gerade nicht aus. Selbst hochstehende Inhalte brauchen eine gestaltete Form, damit sie eine breitere Wirkung entfalten können.

Da genügt es nicht, wie die Linke "Miethaie zu Fischstäbchen" auf Plakate zu pinseln. Abgesehen davon, dass es in Zeiten bewusster Ernährung "Miethaie zu Sushi" heißen müsste: Wen soll dieser Sozialneid aus der Sponti-Mottenkiste noch beeindrucken in einer Stadt, deren Gemeinsinn schon in der ausgeprägten Stifter- und Ehrenamtskultur deutlich wird?