Das Europäische Parlament in Straßburg ist gewählt, der Kampf um das Amt des Brüsseler Kommissionspräsidenten ist in vollem Gange. Und was macht das Journal Frankfurt in seiner aktuellen Titelgeschichte? Erklärt Frankfurt zu "Europas wahrer Hauptstadt" und begründet das mit der Europäischen Zentralbank (EZB), ihrer Rolle für Europa und ihrem Neubau. Dass sich ein Stadtmagazin mit alternativen Wurzeln in fast stolzem Ton den Herrschern des Euro widmet, zeigt, was seit Längerem zu spüren ist: Frankfurts Verhältnis zur EZB verändert sich.

Da ist die simple Tatsache, dass mit dem künftigen Domizil der EZB jedem Bürger klar wird: Die Stadt am Main beherbergt eine der mächtigsten Institutionen der Welt. Bisher war die EZB für die Menschen auf der Straße kaum sichtbar, denn bisher nutzt sie ein Hochhaus aus den siebziger Jahren – ihre Ansiedlung hatte daher wenig am Straßenbild geändert. Nun ragt im Osten Frankfurts ein gläsernes Ensemble empor, das die Geografie der Stadt verändert. Auf einmal steht der City mit ihren vielen Türmen ein eindrucksvoller Solitär gegenüber. Dieser prägt einen ganzen Stadtteil und lässt ihn zugleich stärker zu einem Teil der Stadt werden. Vielen dämmert erstmals, dass die Notenbank und die Institutionen in ihrem Dunstkreis Frankfurt prägen.

Selbst die Kritiker von Blockupy orientieren sich um. Statt wie bisher im Mai oder Juni wollen sie dieses Jahr im Herbst losziehen und die offenbar für November geplante Eröffnung des EZB-Baus "mit massenhaften Aktionen zivilen Ungehorsams" stören. Bleibt zu hoffen, dass die Stadt dieses Mal souveräner reagiert. 2013 ging der Staat mit einem riesigen Aufgebot gegen einen Protestzug vor – in einer Demonstration der Stärke, die sich in ihrer Massivität auch gegenüber harmlosen Teilnehmern rasch in eine Demonstration der Schwäche verkehrte. Die Stadt Frankfurt sollte es aushalten, wenn es Menschen gibt, die sich über die EZB nicht freuen.