Es ist Freitagmorgen in St. Petersburg, als Eckhard Cordes für fünf Minuten die Bühne der Weltpolitik betritt. In einem Raum mit kalter Klimaanlagenluft haben sich rund 200 Leute versammelt, Wirtschaftsbosse, Politiker, Fernsehteams, in der Ecke stehen zwei Simultanübersetzer in einer schalldichten Box. Cordes sitzt auf einem Podium, neben ihm Wladimir Jakunin, Chef der russischen Bahn. Cordes, Jakunin und fünf weitere Gäste sollen sich dazu äußern, wie man Russland für ausländische Investoren attraktiver machen und mehr Geld nach Russland holen kann. Jeder Gast hat fünf Minuten Zeit, um seine Meinung auszubreiten. "Die Infrastruktur verbessern", sagt der eine. "Mehr Fachkräfte ausbilden", der andere. Die Zuschauer gähnen.

Dann fünf Minuten Ruhm für Cordes. Er richtet sich auf, zupft an seiner Krawatte und räuspert sich. "Die Geldgeber sind verängstigt", sagt er. "Die Lage in der Ukraine ist eine schwere Last für das wirtschaftliche Geschäft. Wir können nur dann in Russland investieren, wenn der Schatten, der in den letzten Wochen auf die Wirtschaftsbeziehungen gefallen ist, beseitigt wird." Der Schatten, das sind die Ukraine-Krise und die Sanktionen, mit denen der Westen Russland droht.

Nach Cordes’ Worten klatschen ein paar Zuhörer im Publikum, andere rollen mit den Augen. Einer sagt: "Wir sind hier, um über Wirtschaft zu reden, nicht über Politik!"

Eckhard Cordes, 63 Jahre alt, war früher Daimler-Vorstand, später Chef der Metro und ist heute Chef des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Normalerweise ist es sein Job, deutschen Unternehmen dabei zu helfen, Filialen in Osteuropa zu eröffnen. Aber seit Putin die Krim annektiert hat, seit die Ukraine-Krise in einem Bürgerkrieg zu eskalieren droht und der Westen weitere Sanktionen gegen Russland diskutiert, hat Cordes noch eine andere Funktion: Auf diesem Forum ist er der inoffizielle Botschafter der Bundesregierung. Ein heimlicher Diplomat, getarnt als Businessman.

Das Podium, auf dem Cordes spricht, ist Teil des St. Petersburger Wirtschaftsforums, das jeden Frühsommer in Russland tagt, ausgerichtet vom Präsidenten Wladimir Putin. Eine Art russische Antwort auf das Weltwirtschaftsforum in Davos. Drei Tage lang treffen sich Manager und Politiker aus der ganzen Welt, debattieren über die russische Wirtschaft, unterzeichnen Verträge, trinken Champagner. Die reichen Gäste sollen sich wohlfühlen in Putins Geburtsort, sollen Vertrauen in Russland gewinnen, sollen das Land als Ort für eine sichere Geldanlage wahrnehmen. Das Motto dieses Jahr: "Vertrauen stärken in einer Welt im Wandel".

Vergangenes Jahr waren die CEOs amerikanischer Konzerne gekommen, die Chefs von Visa und General Electric, auch die Vorstände von Siemens und der Deutschen Bank waren da. Putin hatte den Westen eingeladen zu einer großen Feier, und kein wichtiger Gast fehlte. Sogar Angela Merkel kam. Sie und Putin sprachen über gemeinsame Visionen, über ein Freihandelsabkommen. Russland und der Westen, so schien es, waren Freunde.

Dieses Jahr hat keiner der Wichtigen sich für Putins Party angemeldet. Die amerikanische Regierung ließ verlauten, sie halte eine Teilnahme angesichts der Ukraine-Krise für unangemessen, alle prominenten amerikanischen Konzernchefs haben abgesagt. Und auch kein Chef eines Dax-30-Konzerns ist erschienen. Die paar, die kommen wollten, haben kurzfristig abgesagt oder einen Vertreter geschickt. Eckhard Cordes ist einer der wenigen Westler, die Putin dieses Jahr noch treu sind. "Putin hat ein Elefantengedächtnis", sagt ein Kenner. "Dass Eckhard Cordes auch in schwierigen Zeiten zu ihm hält, wird er sich ewig merken."

In deutschen Medien muss Cordes sich für sein Kommen rechtfertigen. In Russland hingegen wird er dafür gefeiert. Das Highlight der Konferenz wird eine Rede von Putin am Nachmittag sein, "vier Stunden noch", sagt Cordes und reibt sich die Hände. Er wird in der fünften Reihe sitzen, nicht weit von Altkanzler Gerhard Schröder. So viel Aufmerksamkeit bekam Cordes in den vergangenen Jahren nicht.

Nach seinem Podiumsauftritt interviewt ihn die ARD, und er sagt diesen Satz, den er in den vergangenen Wochen jeden Tag mehrmals wiederholt hat, im Radio, im Fernsehen: "Gerade jetzt in Zeiten der Krise ist es wichtig, miteinander zu sprechen und den Dialog aufrechtzuerhalten." Er sagt den Satz so überzeugend, als spreche er ihn das erste Mal aus. Er spielt sie gut, seine Rolle als Vermittler.