In welchem Jahrhundert leben wir denn nun? "Im 21. Jahrhundert benimmt man sich nicht einfach wie im 19. Jahrhundert und marschiert unter einem erfundenen Vorwand in ein anderes Land ein", erklärte US-Außenminister John Kerry vor Kurzem in einem Fernsehinterview. Auch der New York Times-Kolumnist Thomas Friedman griff jüngst auf diese Analogie zurück. Die Krise in der Ukraine sei das erste Beispiel eines "Risikospiels in der Phase des post-post Kalten Kriegs". Dabei stieße die russische und chinesische Weltsicht – nach der man die wirtschaftlichen Vorzüge des 21. Jahrhunderts in Anspruch nehmen, sich aber gleichzeitig wie die Mächte des 19. Jahrhunderts territoriale Zugewinne sichern könne – auf eine andere Sicht, nach der die Staaten heute eben nicht nur miteinander verknüpft, sondern auch voneinander abhängig seien. Und in dieser Welt müsse man nach den Regeln spielen oder einen enormen Preis zahlen.

Die aktuelle Politik Russlands oder Chinas ist nach dieser Auffassung also längst passé – nur mehr eine irritierende Wiederkehr imperialistischer Geopolitik aus längst vergangenen Zeiten in einer angeblich regelbasierten, interdependenten Welt. Eine Ungleichzeitigkeit, die auf lange Sicht korrigiert wird, wenn die "Störer" endlich begreifen, in welchem Jahrhundert wir uns eigentlich befinden.

Aber was sind denn die "Spielregeln des 21. Jahrhunderts"? Sind sie tatsächlich klar definiert? Und haben sie sich so beträchtlich gegenüber früheren Zeiten verändert – oder haben wir es mit Kontinuitäten aus verschiedenen Epochen zu tun?

Als der Kalte Krieg mit dem Fall der Mauer für beendet erklärt wurde, herrschte im Westen Siegestaumel. Francis Fukuyama diagnostizierte das "Ende der Geschichte" und den endgültigen Sieg der liberalen Demokratie. Tatsächlich waren die neunziger Jahre durch eine Welle der Demokratisierung hauptsächlich in den ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes gekennzeichnet. Die USA erlebten ihren unipolaren Moment als "Hyperpower" ohne wirkliche Konkurrenz, der sie zum Versuch verleitete, durch "regime change" auch eine Demokratisierung des Iraks und womöglich des gesamten Nahen und Mittleren Ostens und Afghanistans herbeizuführen. Noch die späteren Aufstände in vielen arabischen Ländern wurden zunächst als eine Art arabisches 1989 interpretiert, das die arabischen Diktaturen ähnlich den zentraleuropäischen Staaten auf den Weg der Demokratie bringen würde. Endlich, glaubte man, habe auch in der arabischen Welt der mühsame, aber letztlich unvermeidliche Aufbruch in eine Epoche der Demokratie und Entwicklung begonnen.

Allerdings: Weder war, wie wir heute wissen, die Demokratisierung per regime change und Nation-Building im Irak und in Afghanistan sonderlich erfolgreich. Noch erwiesen sich die arabischen Aufstände als Beginn eines demokratischen Frühlings. 

Derlei Illusionen konnten vermutlich auch deshalb so prächtig blühen, weil man im Westen übersehen hatte, dass auch 1989 schon ein Moment der Ungleichzeitigkeit war. Am selben 4. Juni vor 25 Jahren, an dem in Polen die ersten freien Parlamentswahlen stattfanden, schlug das chinesische Regime den Aufstand junger reformwilliger Chinesen in Peking brutal nieder. Die Panzer auf dem Tiananmen-Platz beendeten bis heute alle Versuche, aus der Zivilgesellschaft die Demokratisierung zu organisieren.