Man darf sich J. Courtney Sullivan als typische toughe New Yorkerin vorstellen. Sie bewohnt mit ihrem Mann und ihrem Hund, vermutlich ebenfalls recht toughen Geschöpfen, ein Loft in Brooklyn, sie liebt To-do-Listen, sie steht sehr zeitig auf, und wenn der Tag zu Ende geht, hat J. Courtney Sullivan nicht nur ihre Listen abgearbeitet und sich und dem Hund gesundes Essen und ein hübsches Laufprogramm im Park verabreicht, sie hat sich auch bestens über die Ereignisse der Welt informiert und mehrere Seiten geschrieben. Sechs Bücher hat sie mittlerweile verfasst, drei Sachbücher und drei Romane. Die Ostküstenlady, die sich in ihrem Twitter-Account über ihr professionelles Pensum gern lustig macht, ist gerade mal 32 Jahre alt.

Für den Zuschnitt ihrer Romane dürfte allerdings ein anderes New-York-typisches Merkmal entscheidend sein: die Doppelkarriere der Autorin. Sullivans Schriftstellerei ging aus dem Journalismus hervor. Nach dem Studium startete sie eine Laufbahn, die sie in kürzester Zeit in die Gipfelregion amerikanischer Printmedien wie New York Times, New York Observer, Chicago Tribune, Elle, Glamour beförderte. Dieses Pendeln zwischen journalistischem und erzählendem Schreiben befördert möglicherweise ein Verständnis von Literatur, das deren Gebrauchswert honoriert. Zwei Romane von Sullivan wurden bislang ins Deutsche übersetzt, im vergangenen Jahr erschien Wiedersehen in Maine, vor Kurzem Die Verlobungen.

Wer sie liest, wird auf beste Weise unterhalten, in eine psychologisch spannende, sittengeschichtlich aufschlussreiche Handlung eingebunden, mit den Lebenswünschen und Lebensirrtümern eines stattlichen Romanensembles vertraut gemacht und mit einer soliden Sprache versorgt, die dem schlampig Runtergeschriebenen so fern ist wie stilistischen Höhenflügen. Wer sie gelesen hat, wird sie nicht unbedingt zu den Meister- und persönlichen Lieblingswerken ins Regal stellen, die fortan das Leben begleiten. Es gibt einen Ort, der sich für Sullivan-Bücher vorzüglich eignet: der Urlaubskoffer. Diese Bemerkung ist mitnichten despektierlich, sondern zustimmend gemeint. Denn nicht nur der Buchmarkt, auch die breite Leserschaft benötigt anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur – und das ist keineswegs ein Paradox. Dennoch zögert man, die Romane der Amerikanerin J. Courtney Sullivan diesem Begriff zuzuordnen. Er besitzt im Deutschen einen Beigeschmack von Trivialität, von populistischem Qualitätsmangel, der sich schwer verleugnen lässt. Die kulturelle Hierarchie zwischen hoher und niederer, zwischen seriöser und eben nur unterhaltender Literatur ist hierzulande um einiges distinktiver und schärfer als im amerikanischen und generell im angelsächsischen Raum.

Dies aber, diese latente Verachtung des Unterhaltsamen, wirkt sich auf die deutsche Unterhaltungsliteratur aus. Sie ist enorm erfolgreich, sie hat ihr Massenpublikum, sie erreicht, wie die Beispiele Ildikó von Kürthy, Gaby Hauptmann oder Tommy Jaud zeigen, selbst ohne Werbekampagnen und verlegerische Klimmzüge ihre Fangemeinden und ihre Stammplätze auf der Bestsellerliste. Aber sie nimmt bei allem Erfolg eine Haltung zu sich selbst ein, der etwas Defensives, etwas Unterambitioniertes, ja fast möchte man sagen: etwas Kapitulierendes anhaftet. Sie ist offensichtlich selbst so fest davon überzeugt, dass sie im ernsten Fach, im ernst gemeinten literarischen Zugriff auf die Welt nichts verloren hat, dass sie sich von vornherein aufs Ironische, Alberne, Verjuxte und Spaßig-Muntere zurückzieht und beschränkt. Als sei literarische Unterhaltung in Deutschland nur auf der Humorschiene denk- und machbar. Wer sich in den Bestsellerlisten der vergangenen Jahre umsieht, kommt sich vor wie in einem permanenten Comedy-Programm. Für einen Autor wie Tommy Jaud ist schreiben im Grunde identisch mit witzeln.

Das Pointenpotenzial der Hamburgerin Ildikó von Kürthy, die gerade ihren achten Roman mit dem Titel Sternschanze veröffentlicht hat, ist unerschöpflich und ohne Frage erquicklich. Sie besitzt zudem ein feines Gespür für Tendenzen und Nuancen des Zeitgeists, was sie auch bei einem (wohl eher weiblichen) Lesepublikum mit akademischem Abschluss identifikationsfähig und zur sommerlichen Pflichtlektüre macht. Gerade deshalb aber fragt man sich: Sollen von Kürthys kommende acht Romane genauso wie die acht vorangegangenen sein? Könnte sich der neunte nicht mal lösen vom immerwährenden Pointengewitter, von der immergleichen Protagonistin, die hier Nicola Lubitz heißt, wie sämtliche ihrer Vorgängerinnen mit ihrer runden Taille, den Normen der Schönheitsindustrie und dem Korsett des gedämpften weiblichen Temperaments hadert, denen ihr sympathisch impulsives nicht entspricht? Um es klar zu sagen: Wir haben es hier nicht mit billiger oder trivialer Unterhaltungsware zu tun. Aber mit Unterhaltungsliteratur, der unnötigerweise die Biederkeit der Selbstwiederholung droht, weil sie auf der Stelle tritt.