Die innere Front – Seite 1

Am Morgen des 6. Juni 1944, am Tag der Landung der Alliierten in der Normandie, rief Charles de Gaulle die Franzosen zu den Waffen: "Die Söhne Frankreichs, wo auch immer sie sich befinden und wer sie auch sein mögen, haben die einfache und heilige Aufgabe, mit allen verfügbaren Mitteln zu kämpfen." Die französische Résistance hatte sehnlichst auf diesen Tag gewartet und brannte darauf, sich an der Befreiung des Landes zu beteiligen.

Der kommunistisch geprägte Widerstand im französischen Südwesten hatte sich da schon lange für diesen Kampf gerüstet und eine spektakuläre Aktion geplant: den geschlossenen Angriff von etwa 600 Partisanen auf die deutsche Garnison der kleinen Stadt Tulle, des Hauptorts des Departements Corrèze. Man erhoffte sich davon eine Signalwirkung für ganz Frankreich. Der Angriff begann am Morgen des 7. Juni und endete am späten Nachmittag des 8. Juni mit der Eroberung der nördlichen Stadthälfte. Es war die bis dahin größte und wagemutigste militärische Widerstandsaktion gegen eine von Deutschen besetzte Stadt in Frankreich. Von den 600 deutschen Soldaten fielen 40 im Kampf, 60 weitere wurden gefangen genommen. Am folgenden Tag sollte die Eroberung zu Ende geführt werden. Aber noch am selben Abend fiel die Aufklärungsabteilung der SS-Panzerdivision "Das Reich" in Tulle ein, die Partisanen flohen.

Was dann folgen sollte, waren Kriegsgräuel, wie sie nirgends sonst in Frankreich vorkamen: erst das Massaker von Tulle, tags darauf 120 Kilometer nördlich das Massaker von Oradour. Man hat diese Ereignisse später verständlicherweise als sinnlosen Ausbruch von Brutalität eingestuft. Aber dadurch hat man übersehen, dass ihnen auch eine präzise militärische Logik zugrunde lag, die in direktem Zusammenhang mit dem D-Day steht.

Was hat sich genau am Morgen des 9. Juni ereignet? Der Divisionskommandeur Heinz Lammerding verordnete eine exemplarische Sanktion: Als Sühne für die gefallenen Deutschen sollten 120 Männer öffentlich gehängt werden. Daraufhin verließ er die Stadt, um die Panzer der Division zu inspizieren, und übergab die Ausführung der Strafaktion an seine Offiziere. Bis zum späten Nachmittag suchte sich die SS in einem sadistischen tri, einer Aussonderung, ihre Opfer zusammen. Klare Kriterien sind nicht erkennbar. Ein Großteil der Ausgewählten waren junge Männer, viele davon französische Zwangsarbeiter. Dann begannen die Erhängungen an Masten, Straßenlampen und Balkonen längs der Straße zum Bahnhof. Die Aktion wurde nach 99 Morden gestoppt. Mehrere Hundert Männer blieben in einer Fabrik unter deutscher Bewachung. Am Abend wurden die Leichen auf Lastwagen zu einer Mülldeponie gebracht und verscharrt.

Am Vormittag des 10. Juni setzte sich der tri fort. Ein Konvoi brachte am Nachmittag etwa 300 Männer nach Limoges, von denen 149 zur Deportation in Konzentrationslager ausgewählt wurden. Nur 48 von ihnen sollten 1945 heimkehren. Bis auf eine Ausnahme waren sämtliche Opfer der Strafaktion von Tulle Zivilisten.

Noch am selben Tag folgte die Auslöschung des Dorfes Oradour, 30 Kilometer nördlich von Limoges. 642 Menschen, Männer, Frauen und Kinder, wurden niedergemetzelt, ein Teil von ihnen kam in den Flammen der in Brand gesetzten Kirche um. Verantwortlich war dieselbe SS-Division wie in Tulle und derselbe Kommandeur, Heinz Lammerding. Im Fall von Oradour hatte es keinerlei Kampf- oder Widerstandshandlungen gegeben. Am 12. Juni zog die SS-Division nach Norden weiter, zur Front in der Normandie.

Die Prozesse, die 1951 und 1953 vor französischen Militärgerichten in Bordeaux geführt wurden, um die Verbrechen von Tulle und Oradour aufzuklären, waren unzulänglich. Man muss sogar angesichts der mit vielen eklatanten Mängeln behafteten Prozessführung am Aufklärungswillen der Gerichte zweifeln. Für den Tulle-Prozess von 1951 blieb nur wenig vom komplexen Ereignis übrig: Zur Gänze ausgeklammert wurde die Verantwortung der höheren Wehrmachtsinstanzen in Frankreich, der lokalen Kommandantur und des Sicherheitsdienstes.

Lammerding selbst lebte in Deutschland und nahm auf Empfehlung des Justizministeriums an diesen Prozessen nicht teil. Er bestritt jeden Mordvorwurf und ließ verlauten, untergeordnete Offiziere hätten ihre Befugnisse überschritten. Zwar wurde Lammerding in Frankreich zum Tode verurteilt, aber Deutschland lieferte ihn nicht aus.

So blieben die beiden Ereignisse wie erratische Blöcke in der Kriegslandschaft stehen, angeblich zwei seltene Ausnahmen, Kollateralschäden, wie sie bei militärischen Großereignissen nun mal vorkommen können. Gestützt wurde diese Sicht durch die Arbeit von Historikern, die darauf hinwiesen, dass die deutsche Repression im Jahr 1944 dazu übergegangen sei, im Westen "Ostmethoden" einzuführen.

Dennoch wird man die Vorgänge nicht verstehen können, wenn man sich nicht auch mit der nüchternen militärischen Planung befasst, die den französischen Schauplatz im Frühsommer 1944 beherrschte. Dann werden die Massaker als Teil einer planmäßigen Aktion erkennbar, die von der SS-Truppe unter dem Kommando von Heinz Lammerding mit Zustimmung und Duldung der Wehrmachtsbefehlshaber durchgeführt wurde.

Die Deutschen wussten, dass eine Landung der Alliierten in Frankreich bevorstand. Die Neuaufstellung der stark dezimierten SS-Kampfgruppe "Das Reich" nahm man deshalb Anfang 1944 im französischen Südwesten vor, in der Mitte zwischen Mittelmeer und Normandie, um in beide Richt-ungen einsatzfähig zu sein. Im April stattete Himmler seiner Elitetruppe einen mehrtägigen Besuch in Montauban ab. Einzelheiten von diesem Treffen sind nicht bekannt, aber es ging um die Erörterung der Rolle der Division im bevorstehenden Endkampf. Die spätere Vorgehensweise der Truppe lässt sich als das Ergebnis dieser Planung ansehen.

Diese Überlegung wird bestätigt durch eine Note, die Lammerding an das Generalkommando des 58. Panzerkorps richtete. Am 5. Juni, am Vortag des D-Days, skizzierte er darin ein Rahmenprogramm für die neuen Einsätze gegen die französischen "Terroristen" und empfahl ein rücksichtsloses Vorgehen. Unter den Maßnahmen sticht vor allem Punkt sechs ins Auge: "Ankündigung und Durchführung, dass für jeden verwundeten Deutschen drei, für jeden Gefallenen zehn Terroristen aufgehängt (nicht erschossen) werden. Strafvollzug durch Erhängen ist in der französischen Justiz nicht üblich. Durch Anwendung auf die Terroristen werden diese diskriminiert und außerhalb der französischen Volksgemeinschaft gestellt."

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Nach dieser Vorlage ging Lammerding in Tulle vor. Da die SS-Truppe nicht in der Lage war, die Partisanen zu fassen, nahm man die Zivilbevölkerung als Geisel für deren Aktion. Die Strategie zielte darauf, die Beziehung zwischen den Résistance-Kämpfern und der Bevölkerung zu zerschlagen. Oradour ist ein zweites Beispiel für diese Taktik. Mit dem Unterschied, dass es dort überhaupt gar keinen Widerstand gab, wodurch die nationalsozialistische "Pädagogik des Terrors" umso klarer hervortritt.

Heute weiß man, dass es im gesamten europäischen Nazi-Herrschaftsbereich zu Hunderten von "Oradours" gekommen ist. Lammerding wollte sich – laut seiner Note – bis zum 15. Juni für seine Maßnahmen Zeit lassen (bei "sofortiger Einleitung" ab dem 5. Juni). Es ist bei zwei Massakern geblieben, weil der Oberbefehlshaber West die Division am 11. Juni an die Front beorderte und damit Lammerdings Programm abbrach. Für die SS und den deutschen Militärapparat war die gewollte Wirkung erreicht, zumindest gegenüber der Bevölkerung in den Regionen Limousin und Centre.

Die Résistance aber war durch diese Taktik keineswegs gelähmt. Zwar wusste jeder, dass Widerstandsaktionen fast immer Sanktionen auslösten. Dennoch hörte die Bevölkerung nicht auf, die Kämpfer zu unterstützen und zu versorgen. Die Résistance trug zwischen Juni und September viel zur Befreiung des Landes bei. Gestärkt durch massive Waffenlieferungen aus der Luft, mit einem Höhepunkt der Abwürfe am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, wurde aus den zahlreichen Widerstandsgruppen ein zunehmend offensiv auftretender geschlossener Verband mit militärischer Schlagkraft, die Forces françaises de l’Intérieur. Dem Departement Corrèze mit dem Städtchen Tulle gelang es schließlich Mitte August als erster Region Frankreichs, ohne Beteiligung alliierter Truppen die deutschen Garnisonen zur Kapitulation zu zwingen.

Die Zukunft des befreiten Frankreich stand zu diesem Zeitpunkt noch auf der Kippe. Als Folge der Kollaboration, personifiziert im Vichy-Regime mit seiner ökonomischen und polizeilichen Beteiligung am Nazi-Programm, sollte das Land nach Ansicht hoher Militärs der Alliierten vorerst eine kontrollierte Zone werden. Doch die Existenz und die Kampfleistung des Widerstands wurden ein wesentlicher Trumpf in der Hand de Gaulles: Sie ermöglichten, die Schande der Kollaboration von Vichy in den Hintergrund treten zu lassen und das Schicksal einer besetzten Zone von Frankreich abzuwenden. De Gaulle stützte sich auf seine "innere französische Armee", um die sofortige Souveränität des Landes einzufordern. Der Widerstand ist daher für die Entwicklung des Nachkriegs-Frankreich von entscheidender Bedeutung gewesen.

Allerdings wurde im befreiten Frankreich nur das Massaker von Oradour sofort zu einem nationalen Symbol erhoben. Tulle blieb im Schatten. Dabei gehören die beiden Ereignisse, so unterschiedlich sie auch abgelaufen sind, untrennbar zusammen: Sie geben Zeugnis vom Höhepunkt des Schreckens, der zugleich den Beginn der Freiheit markiert.