Nach dieser Vorlage ging Lammerding in Tulle vor. Da die SS-Truppe nicht in der Lage war, die Partisanen zu fassen, nahm man die Zivilbevölkerung als Geisel für deren Aktion. Die Strategie zielte darauf, die Beziehung zwischen den Résistance-Kämpfern und der Bevölkerung zu zerschlagen. Oradour ist ein zweites Beispiel für diese Taktik. Mit dem Unterschied, dass es dort überhaupt gar keinen Widerstand gab, wodurch die nationalsozialistische "Pädagogik des Terrors" umso klarer hervortritt.

Heute weiß man, dass es im gesamten europäischen Nazi-Herrschaftsbereich zu Hunderten von "Oradours" gekommen ist. Lammerding wollte sich – laut seiner Note – bis zum 15. Juni für seine Maßnahmen Zeit lassen (bei "sofortiger Einleitung" ab dem 5. Juni). Es ist bei zwei Massakern geblieben, weil der Oberbefehlshaber West die Division am 11. Juni an die Front beorderte und damit Lammerdings Programm abbrach. Für die SS und den deutschen Militärapparat war die gewollte Wirkung erreicht, zumindest gegenüber der Bevölkerung in den Regionen Limousin und Centre.

Die Résistance aber war durch diese Taktik keineswegs gelähmt. Zwar wusste jeder, dass Widerstandsaktionen fast immer Sanktionen auslösten. Dennoch hörte die Bevölkerung nicht auf, die Kämpfer zu unterstützen und zu versorgen. Die Résistance trug zwischen Juni und September viel zur Befreiung des Landes bei. Gestärkt durch massive Waffenlieferungen aus der Luft, mit einem Höhepunkt der Abwürfe am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, wurde aus den zahlreichen Widerstandsgruppen ein zunehmend offensiv auftretender geschlossener Verband mit militärischer Schlagkraft, die Forces françaises de l’Intérieur. Dem Departement Corrèze mit dem Städtchen Tulle gelang es schließlich Mitte August als erster Region Frankreichs, ohne Beteiligung alliierter Truppen die deutschen Garnisonen zur Kapitulation zu zwingen.

Die Zukunft des befreiten Frankreich stand zu diesem Zeitpunkt noch auf der Kippe. Als Folge der Kollaboration, personifiziert im Vichy-Regime mit seiner ökonomischen und polizeilichen Beteiligung am Nazi-Programm, sollte das Land nach Ansicht hoher Militärs der Alliierten vorerst eine kontrollierte Zone werden. Doch die Existenz und die Kampfleistung des Widerstands wurden ein wesentlicher Trumpf in der Hand de Gaulles: Sie ermöglichten, die Schande der Kollaboration von Vichy in den Hintergrund treten zu lassen und das Schicksal einer besetzten Zone von Frankreich abzuwenden. De Gaulle stützte sich auf seine "innere französische Armee", um die sofortige Souveränität des Landes einzufordern. Der Widerstand ist daher für die Entwicklung des Nachkriegs-Frankreich von entscheidender Bedeutung gewesen.

Allerdings wurde im befreiten Frankreich nur das Massaker von Oradour sofort zu einem nationalen Symbol erhoben. Tulle blieb im Schatten. Dabei gehören die beiden Ereignisse, so unterschiedlich sie auch abgelaufen sind, untrennbar zusammen: Sie geben Zeugnis vom Höhepunkt des Schreckens, der zugleich den Beginn der Freiheit markiert.