DIE ZEIT: Der große Krieg zwischen Kirch und der Deutschen Bank ist vorbei. Wie fühlen Sie sich?

Dieter Hahn: Ich empfinde ein Gefühl großer Freiheit. Das waren zwölf Jahre, die teils grenzwertig waren. Mit persönlichen und wirtschaftlichen Einschränkungen und Belastungen.

ZEIT: Die Deutsche Bank ist vom Oberlandesgericht München wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung verurteilt worden und hat im Rahmen eines Vergleichs im Februar mehr als 900 Millionen Euro an Kirchs Erben und seine Gläubiger gezahlt. Empfinden Sie es als tragisch, dass Leo Kirch seinen Sieg nicht mehr erlebt hat?

Hahn: Er war als tiefgläubiger Mensch überzeugt, dass er das alles irgendwie mitkriegen würde. Leo Kirch hat noch bewusst miterlebt, dass ihm das Oberlandesgericht München Gerechtigkeit widerfahren ließ. Zu seinen Lebzeiten, im März 2011, waren wir schon einmal kurz vor einer Einigung mit der Deutschen Bank. Sie hat dann aber einen Rückzieher gemacht. Das war für ihn eine Enttäuschung. Aus heutiger Sicht war das am Ende aber gut so.

ZEIT: Warum?

Hahn: Der Vergleich erfolgte erst, nachdem das Gericht 2012 Leo Kirch Recht zugesprochen hat. Und durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ist schließlich noch ein großer Teil dessen, was 2001 und 2002 wirklich passiert ist und was bis dahin verdeckt wurde, ans Licht gekommen.

ZEIT: Damals gab es in der Bank ein Geheimprojekt namens Barolo, es ging um die Zerschlagung der Kirch-Gruppe. Vor Gericht haben führende Banker jedoch ausgesagt, sie hätten kein Interesse an der Gruppe gehabt. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Prozessbetrugs gegen Bankchef Jürgen Fitschen, seine Vorgänger Josef Ackermann und Rolf Breuer und andere Manager.

Hahn: Dazu möchte ich mich nicht äußern. Wir haben einen Schlussstrich gezogen. Ich finde es sehr honorig, dass sich der heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, Paul Achleitner, dafür entschuldigt hat, was passiert ist.

ZEIT: Er hat sein Bedauern gegenüber der Witwe von Leo Kirch geäußert.

Hahn: Das war nicht selbstverständlich. Es hat auf beiden Seiten Verletzungen gegeben. Auch wir haben die Auseinandersetzung mit einer Konsequenz geführt, die für Deutschland ungewöhnlich ist.

ZEIT: Sie haben den Konflikt in Aktionärsversammlungen der Deutschen Bank getragen. Ihre Anwälte haben dort ganze Batterien von Fragen abgeschossen und die übrigen Aktionäre geradezu in Geiselhaft genommen. War das nötig?

Hahn: Wir haben die gesetzlichen Möglichkeiten eines Aktionärs genutzt.

ZEIT: In einem Maße, wie es das nicht gab.

Hahn: Das mag sein. Wir hatten es aber mit einem Gegner zu tun, der zwei Dinge unbegrenzt hatte und genau darauf setzte: Zeit und Geld. Die Auseinandersetzung hat am Ende fast 100 Millionen Euro gekostet und mehr als ein Jahrzehnt gedauert. Die Deutsche Bank hat dabei manches getan, was gesetzlich nicht zulässig war.

ZEIT: Was zum Beispiel?

Hahn: Dazu möchte ich nichts mehr sagen. Ich möchte einen Strich ziehen.

ZEIT: Hatte Leo Kirch Rachegelüste?

Hahn: Nein, das nicht, Rache war nicht Teil seiner Persönlichkeit, aber er hatte vom Tag des Interviews ...

"Breuer war für ihn ein Bauer auf dem Schachbrett"

ZEIT: ... in dem Breuer 2002 öffentlich Kirchs Kreditwürdigkeit anzweifelte ...

Hahn: ... eine starke Überzeugung: Das lasse ich mir nicht gefallen. Das war seine Motivation.

ZEIT: Weiter nichts? Breuer hat ihm so wirtschaftlich den Todesstoß versetzt. Da muss Kirch doch einen gewaltigen Groll empfunden haben.

Hahn: Er hat das nicht persönlich gesehen. Breuer war für ihn ein Bauer auf dem Schachbrett. Kirch hatte die Bank im Blick – und seine eigene Zukunft. Ihm ging es schon unmittelbar nach der Insolvenz vor allem um eines: Wie kann ich die Freiheit wiedergewinnen, um unternehmerisch tätig zu sein? Dafür brauchte er Kapital. Und es war klar: Leihen würde es ihm keiner.

ZEIT: Ging es ihm nicht auch um die Wiederherstellung seiner Ehre?

Hahn: Es ging um Wiedergutmachung. Dazu musste der angerichtete Schaden anerkannt werden. Aber er wollte immer nach vorne sehen und gehen.

ZEIT: In einem Spiegel-Interview hat Leo Kirch seinen Aufstieg und Niedergang einmal mit Worten aus der Bibel kommentiert: "Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen." War er wirklich so ein Fatalist?

Hahn: Ein Fatalist war Leo Kirch nie. Das hätte gar nicht zu ihm gepasst. Er war Realist. Und er war belesen. Mir erzählte er, wie es nach dieser Stelle in der Bibel weitergeht. Der Satz, den Leo Kirch zitierte, stammt aus dem Buch Hiob im Alten Testament. Hiob erleidet schwere Schicksalsschläge, aber seine Geschichte geht gut aus. Der Herr belohnt ihn wegen seiner Treue und Frömmigkeit. Im Epilog steht: "Und der Herr gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte."

ZEIT: Die Bibel scheint ihm wichtig gewesen zu sein. Er hat ja auch 21 Filme zu Geschichten des Alten Testaments produzieren lassen.

Hahn: Leo Kirch hatte ein bodenständiges, urwüchsiges Gottvertrauen. Er ist auf dem Land groß geworden, auch seine Mutter, die er sehr liebte, war tiefgläubig. Kirch war überzeugt: Mein Gott wird es schon richten, ich muss mich anstrengen, aber er meint es gut mit mir. Egal, was kommt. Ich habe das immer respektiert, obwohl ich selber diesen Glauben nicht teilen kann. Er sagte deshalb immer: Ich bete für dich mit, Dieter.

ZEIT: Kirch war schwer krank. Wie hat er den Prozess verfolgen können?

Hahn: Bis Ende 2010 ganz genau. Er ließ sich alles haarklein erzählen. Er konnte krankheitsbedingt ja schon längst nicht mehr lesen, aber er konnte zuhören.

ZEIT: Vor Gericht ließ er sich von einer Frau begleiten, die als seine Vorleserin arbeitete.

Hahn: Ja, Gertrude Barrera leitete früher die Abteilung, die amerikanische Serien für das deutsche Fernsehen einkaufte. Sie war jeden Tag hier im Büro und hat ihm stundenlang vorgelesen – aus Zeitungen, Briefe, Schriftstücke, Verträge, aus allem. Wenn er dafür keine Zeit hatte, weil er Gespräche führen wollte, las sie ihm die Sachen auf Band. Er nahm abends eine Plastiktüte mit vier, fünf Kassetten mit nach Hause. Die Bänder hat er abgehört, bis drei, vier Uhr morgens. So war er bis zu seinem Tod breit und tief informiert. Das ging von den chinesisch-russischen Beziehungen bis hin zu wichtigen Wirtschaftsthemen und unternehmerischen Vorgängen.

ZEIT: Im Ruhestand war er also nie.

Hahn: Ich habe ihn mal gefragt, warum er nicht etwas länger Urlaub in den Bergen oder am Meer mache. Er sagte: Was soll ich da? Da sehe ich blau und grün in verschwommenen Flecken. Nein, da kam er lieber ins Büro, sprach mit Menschen und ließ sich vorlesen. Ihn hat Neues immer interessiert. Das war beeindruckend.

ZEIT: Sie galten als sein Ziehsohn.

Hahn: So würde ich es nicht nennen. Zu Kirch hatte man ein enges persönliches Verhältnis, wenn man in einer bestimmten Position war. Er hatte das mit vielen, nicht nur mit mir. Er wollte, dass das, was er aufgebaut hatte, nach seinem Tod zusammenbleibt. Da hat er sich irgendwann für mich entschieden. Es war ein enges, fast symbiotisches Verhältnis. Am Ende war es eine echte Partnerschaft. Er fehlt mir bis heute. Er war der eine Mensch, mit dem ich alles bereden konnte. Ich habe mit ihm über jede geschäftliche Entscheidung gesprochen und über viel Persönliches. So gesehen, war er mein bester Freund.

"Breuers Interview hat nicht nur Kirch schwer getroffen"

ZEIT: Warum haben Sie sich als junger Mann bei ihm beworben?

Hahn: Ich war Verlagsmanager, erst für Springer bei Claro in Spanien, dann für Burda bei der Super!- Zeitung in Berlin. Beide Male hatte ich am Ende die Aufgabe, die Blätter zu schließen. Ein Anwalt, der damals für Herrn Kirch arbeitete, sprach mich dann an und vermittelte mir einen Termin bei Leo Kirch.

ZEIT: Der galt damals als konservativ-reaktionärer Dunkelmann der deutschen Medienbranche.

Hahn: Das hat mich nicht gestört. Es entsprach auch nicht der Realität. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir in einem Hugenberg-Staat leben.

ZEIT: Alfred Hugenberg war ein Medienunternehmer, der die Nationalsozialisten unterstützte. Kirch wurde manchmal mit ihm verglichen.

Hahn: Kirch hat den Nationalsozialismus als gläubiger Mensch verachtet. Auch war er persönlich ein zutiefst liberaler und toleranter Mensch. Für mich war er einfach sofort ein faszinierender Unternehmer. Unser erstes Gespräch war eine irre spannende Unterhaltung, zuletzt sagte Kirch: Sie kommen zu mir! Ich schicke Ihnen einen Vertrag, und Sie tragen ein, wie viel Sie haben wollen.

ZEIT: Welche Zahl schrieben Sie hinein?

Hahn: Das gleiche Gehalt, das ich in meinem vorigen Job bezogen hatte.

ZEIT: Kirch vertraute Ihnen von Beginn an.

Hahn: Anfangs war das kein großes Risiko für ihn. Später ging es um sehr viel höhere Beträge. Als wir die Chance sahen, die weltweiten Fernsehrechte an den Fußballweltmeisterschaften der Jahre 2002 und 2006 zu kaufen. Ich habe nachts aus Stockholm zwei Stunden mit ihm telefoniert. Dann hat er entschieden. Da ging es um 2,8 Milliarden Franken. Es war einer der größten Sportrechtedeals der Welt. Er war hochlukrativ.

ZEIT: Hat er Ihnen Vorwürfe gemacht, als Sie das Unternehmen in die Pleite führten?

Hahn: Wir haben gemeinsam Entscheidungen getroffen, für die Kirch mir niemals einen Vorwurf gemacht hat. Ich habe das Unternehmen nicht in die Pleite geführt, da muss ich deutlich widersprechen. Ohne das Breuer-Interview und die Aktivitäten der Deutschen Bank wäre es nie zur Insolvenz gekommen. Aber wir waren angreifbar, weil wir beim Bezahlfernsehen, also bei Premiere, zu viel Geld investiert hatten. Kirch und ich glaubten daran – und unterschätzten die Technologie und die Tatsache, dass wir zu wenig Erfahrung im Geschäft mit Endkunden besaßen.

ZEIT: Sie waren sich geschäftlich immer einig?

Hahn: Nein. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir uns von der Axel-Springer-Beteiligung getrennt. Er wollte es nicht. Es war auch nicht kriegsentscheidend. Der Kirch-Konzern war ja außerhalb des Bezahlfernsehens sehr profitabel: Wir hatten das weltweit führende Sportrechtegeschäft mit der Formel 1 und den Fußballweltmeisterschaften. Die Fehler, die wir gemacht haben, hätten nicht zur Insolvenz führen müssen.

ZEIT: Es fehlte der Kirch-Gruppe praktisch immer an Geld, und zu der Zeit mochten Ihnen die Banken keine weiteren Kredite mehr geben.

Hahn: Schon vor Breuers Interview war klar, dass wir unsere alte unternehmerische Freiheit verlieren würden. Wir brauchten Partner und Kapitalgeber. Ich habe Leo Kirch im Herbst 2001 gesagt, dass wir kaum mehr als 25 Prozent an dem neu strukturierten Unternehmen behalten werden. Das war eines der unangenehmsten Gespräche mit ihm. Die Aussicht war ihm widerwärtig.

ZEIT: Im Prozess gegen die Deutsche Bank hatten Sie die anderen Banken auf Ihrer Seite. Die haben sozusagen mitgeklagt. Wie kam es dazu?

Hahn: Breuers Interview hat nicht nur Kirch schwer getroffen, sondern jedem billig und gerecht denkenden Menschen die Wut ins Gesicht getrieben, darunter auch vielen Bankern, die uns finanziert hatten. Die Deutsche Bank hatte ja auch gegen die Interessen der anderen Institute gehandelt. Eine Rolle spielte, dass der Insolvenzverwalter Michael Jaffé erkannt hat, dass das Unternehmen nie hätte pleitegehen dürfen – angesichts der vielen hohen und nicht verpfändeten Vermögenswerte. Als wir dann mit einem Vorschlag gekommen sind, der ohne jedes Risiko für die insolventen Gesellschaften eine Verfolgung der Ansprüche gegen die Deutsche Bank ermöglicht hat, hat sich der Insolvenzverwalter dem nicht entzogen. Er wollte ja für die Gläubiger herausholen, was er herausholen konnte. Das hätte gegen die Deutsche Bank aber wohl nicht jeder Insolvenzverwalter gemacht. Und die Banken haben bis auf eine auch zugestimmt.

ZEIT: Stimmt es eigentlich, dass Sie 100 Millionen aus dem Vergleich mit der Deutschen Bank bekommen haben?

Hahn: Dazu werden Sie nichts von mir hören. (lacht) Oder doch: Ich kann Ihnen sagen, die Zahl stimmt nicht.