Das offizielle Schreiben klingt heute wie eine Farce: "Nach reiflicher Überlegung erlaube ich mir, dem geehrten Komitee als Kandidaten für den diesjährigen Nobelpreis abermals den Kaiser von Österreich und König von Ungarn: Franz Joseph I. in Vorschlag zu bringen." Mit diesen Worten wandte sich am 25. Januar 1914 der ungarische Friedensaktivist Ferenc Kemény an das Nobelkomitee in Oslo.

Ausgerechnet jener Monarch, der als Erster im Jahr 1914 eine Kriegserklärung unterzeichnete, wurde, noch wenige Monate bevor die Kanonen donnerten, für den Friedensnobelpreis nominiert. Und dies offenbar nicht zum ersten Mal, denn Kemény erklärte in seinem Begründungsschreiben, dass sein "analoge[r] Vorschlag bereits im vergangenen Jahre mit Genugtuung und Begeisterung" von der öffentlichen Meinung aufgenommen worden sei. Keinem der zahlreichen Biografen des vorletzten Habsburger-Herrschers ist dieser Treppenwitz der Geschichte bisher aufgefallen.

Nach dem Willen des Erblassers Alfred Nobel sollte mit dem Preis eine Persönlichkeit ausgezeichnet werden, die sich am stärksten für die "Verbrüderung der Völker, für die Beseitigung oder Reduktion stehender Armeen und die Abhaltung und Förderung von Friedenskongressen" eingesetzt hat. Während in der jüngsten Vergangenheit zunehmend diejenigen ausgezeichnet wurden, die man zu noch mehr Engagement für den Frieden bewegen wollte, wurde der Friedensnobelpreis in den ersten Jahren an anerkannte Persönlichkeiten aus der organisierten Friedensbewegung, der Interparlamentarischen Union sowie jenen, die sich um die Kodifizierung des internationalen Rechts verdient gemacht hatten, verliehen. Das vom norwegischen Parlament (Storting) ernannte Nobelkomitee bestand vor 1914 vorwiegend aus linksliberalen norwegischen Politikern und Pazifisten. Diese bevorzugten bei ihrer Wahl liberale Kandidaten, die ursprünglich größtenteils dem konservativen Bildungsbürgertum entstammten. Dass der Nobelpreis aber nicht nur für Rüstungsgegner und Friedensaktivisten reserviert war, beweisen die zwei umstrittensten Entscheidungen vor dem Ersten Weltkrieg: Der amerikanische Präsident Theodor Roosevelt sowie sein Außenminister, der ehemalige US-Kriegsminister Elihu Root, wurden für ihre Arbeit als Vermittler und Krisenschlichter in den Jahren 1906 und 1912 ausgezeichnet. Da es sich um aktive Politiker handelte, die weder Krieg noch Rüstung grundsätzlich ablehnten, entspann sich eine Kontroverse, die letztlich das Interesse der Medien weckte und dem Friedensnobelpreis zum internationalen Durchbruch verhalf.

Zum ersten Mal seit seiner Einführung wurde der Preis wegen des Kriegsausbruchs im Jahr 1914 nicht verliehen. Die Kandidaten standen allerdings bereits am 1. Februar 1914 fest. Innerhalb der nächsten Wochen wurde eine sogenannte Shortlist erstellt, anschließend wurden Gutachten verfasst und geheime Beratungen geführt. Die Bekanntgabe des Preisträgers war für den Herbst und die feierliche Verleihung in Oslo für den 10. Dezember, den Todestag von Alfred Nobel, vorgesehen. Zu diesem Zeitpunkt hatten im Jahr 1914 die k. u. k. Truppen Belgrad eingenommen und kurz darauf wieder verloren; Hunderttausende von Menschen in Europa waren bereits tot.

Unter den 31 Kandidaten für den Friedensnobelpreis befand sich im Jahr 1914 lediglich ein Staatsoberhaupt: der greise Monarch der Donaumonarchie. Dies war nicht die erste Nominierung eines gekrönten Hauptes. Im Jahr 1901 wurde Zar Nikolaus II. wegen seines Engagements für die Haager Friedenskonferenz 1899 von vier Österreichern, darunter dem international anerkannten Staats- und Völkerrechtler Heinrich Lammasch, vorgeschlagen. Auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. wurde 1911 nominiert. Der Habsburger war jedoch der am häufigsten nominierte Herrscher in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gewesen: 1908, 1913 und 1914.

Doch wer genau war derjenige, der Franz Joseph für nobelpreiswürdig hielt? Ferenc Kemény (1860 bis 1944) genießt heute lediglich innerhalb der Sportgeschichte einen internationalen Bekanntheitsgrad, da er zu den Gründungsmitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gehörte. Er war Lehrer, Reformer und Schuldirektor. Zusammen mit dem Gründer und langjährigen Präsidenten des IOC, Pierre de Coubertin, wollte Kemény den Sport für die Friedensbewegung nutzen. Nach dem Ersten Weltkrieg widmete er sich vor allem erziehungswissenschaftlichen Studien und war Autor und Mitherausgeber der Encyclopaedia of Pedagogy. Aufgrund der drohenden Deportation wegen seiner jüdischen Abstammung beging er zusammen mit seiner Frau 1944 in Budapest Selbstmord.

Fast vergessen ist Keménys langjähriger Einsatz für den Frieden. Er war Mitglied des Internationalen Friedensbüros, Vorstandsmitglied und erster Sekretär des ungarischen Friedensvereins sowie Generalsekretär des Weltfriedenskongresses 1896 in Budapest. Daraus leitete sich seine Berechtigung zur Nominierung von Kandidaten für den Friedensnobelpreis ab. Vorschlagsberechtigt waren Mitglieder und Berater des Nobelkomitees sowie Mitglieder der Kommission des Ständigen Internationalen Friedensbüros, des Institut de Droit International, des Internationalen Gerichtshofs und der Interparlamentarischen Union wie auch Parlamentsmitglieder, Universitätsprofessoren und Friedensnobelpreisträger.