Dagegen hält der Neue Realismus, dass Wissen und Wahrheit eine viel größere emanzipatorische Kraft aufweisen als die angeblich bescheidenere Einstellung, hinter jedem Wissen einen sozialen oder politischen Anspruch und hinter jeder Wahrheit eine Art von Lüge oder Verzerrung zu vermuten. Hält man etwa Kriege für komplexe mediale, soziale und politische Konstruktionen, hat man sich zwar vom Grauen entlastet – aber um den Preis, dass man anfängt, eine faktisch bedrohliche Wirklichkeit zu verdrängen. In Syrien tobt immer noch der Bürgerkrieg, und er tobt weiter, auch und vor allem wenn wir die Augen davor verschließen. Was wir nicht sehen oder nicht anerkennen wollen, ist dadurch nicht einfach verschwunden.

Wir haben uns angewöhnt, Demokratie unter anderem als einen freien Meinungsmarkt aufzufassen. So weit – so gut. Das demokratische Recht auf freie Meinungsäußerung impliziert eine Verpflichtung auf Öffentlichkeit und damit auf Wissen und Wahrheit. Nicht jede Meinung ist schon dadurch akzeptabel, dass jemand sie äußert. Demokratische Politik bedeutet freilich, dass man versucht, auch die Stimmen derjenigen zu Gehör zu bringen, die man allzu gern überhört, worin der erste Schritt der Emanzipation besteht. Demokratie heißt nicht Unterdrückung von Minderheiten im Namen der Mehrheit. Sie stellt vielmehr den Versuch dar, verdrängte und heimlich stattfindende Gewalt zu unterbinden.

Der Neue Realismus ist einem weiteren Grundbegriff moderner Demokratien, nämlich Gleichheit, dadurch verpflichtet, dass er diese auch im Rahmen des philosophischen Diskurses zu etablieren versucht. An die Stelle lokaler Denkmoden und -schulen tritt der Anspruch, dass prinzipiell jeder und jedem Zugang zur vernünftigen Argumentation gewährt werden soll. Es handelt sich um einen praktizierten Universalismus. Und auch dieser ist keineswegs naiv. Denn es wird gerade nicht bestritten, dass wir Perspektiven und kulturell komplex kodierte Beobachtungsmuster haben. Gerade deren Wirklichkeit wird anerkannt. Wenn es keinen Blick von Nirgendwo geben kann – was meine These, dass es die Welt nicht gibt, auch impliziert –, folgt daraus nicht, dass uns die Tatsachen verborgen sind. Vielmehr folgt daraus, dass wir die Dinge und Tatsachen, wie sie an sich sind, je perspektivisch auffassen.

Dies kann man leicht an einem Beispiel illustrieren. Vor mir liegt ein blauer Würfel. Ich sehe den Würfel aufgrund meiner räumlichen Lage aus einer bestimmten optischen Perspektive, einer neben anderen. Nun sehe ich gerade natürlich nicht seine Rückseite, und ich habe keine Ahnung, was Sie mit blauen Würfeln verbinden. Doch daraus folgt keineswegs, dass ich den Würfel nicht wirklich erkennen kann. Ich erkenne ja nicht etwa ein Bild, das ich mir vom Würfel mache, sondern den Würfel, nur eben aus einer bestimmten Perspektive. Diese Perspektive kann ich nun wiederum auch erkennen.

Mit einem Wort: Die Illusion, von welcher der Neue Realismus befreien will, ist die Illusion, dass wir in einem riesigen Täuschungszusammenhang gefangen sind. Denn dies ist nur eine Ausrede, die den Fatalismus der Freiheit vorzieht. Früher wurden Gott und Schicksal beschworen, um uns von unserer Freiheit zu entlasten, heute sind es die Natur, das Universum, das Gehirn, das egoistische Gen oder die Evolution. Darin sehe ich einen Täuschungszusammenhang, die Ideologie unserer Zeit. Da es in der Demokratie auch um Wahrheit geht, ist es an der Zeit, dieser Ideologie gründlich auf den Zahn zu fühlen.

Markus Gabriel ist Professor für Philosophie an der Universität Bonn. Zuletzt erschien von ihm "Warum es die Welt nicht gibt" (Ullstein) sowie die Essaysammlung "Der Neue Realismus" mit Beiträgen unter anderem von John Searle, Hilary Putnam, Paul Boghossian und Umberto Eco. Ende des Jahres erscheint seine Studie "Der Sinn der Existenz. Eine realistische Ontologie", ebenfalls bei Suhrkamp