Faschistischer Kaffee ist der beste

Ohne besonderen Grund nehme ich an einem Gottesdienst in einer Budapester Kirche teil, der Verbindungen zur Rechtsaußen-Partei Jobbik nachgesagt werden. Es gibt kein Kreuz in der Kirche, nur Flaggen, und zwar nicht wenige. Sie symbolisieren Ungarn in verschiedenen historischen Phasen. Auf manchen der Fahnen sind die Árpád-Streifen zu sehen, sehr zur Verärgerung der Gegner einer solchen Symbolpolitik; schließlich bediente sich im Zweiten Weltkrieg das Naziregime dieser Farben. Am Ende des Gottesdienstes erheben sich die Kirchgänger und singen voller Inbrunst die ungarische Nationalhymne und die Szekler-Hymne.

Der Pfarrer, Professor Dr. Peter Balla, lässt mich an seiner Frustration über "die Juden" teilhaben, die vor einigen Wochen ein paar Hundert Meter von hier vor einem Denkmal demonstrierten, das die gegenwärtige ungarische Regierung errichten lässt. Das Monument soll Ungarn im Zweiten Weltkrieg als Erzengel Gabriel darstellen und blendet damit bequemerweise die Tatsache aus, dass das Land in Wirklichkeit mit den Nationalsozialisten kollaborierte. Die ungarischen Juden fühlen sich durch das Denkmal beleidigt. Der Professor Dr. jedoch fühlt sich durch die Juden beleidigt. "Die Juden", sagt er mir, "verwendeten Lautsprecher, während wir einen Gottesdienst in der Kirche abhielten." Offensichtlich sollte es keinem Juden erlaubt sein, zu demonstrieren, während ein Christ betet.

Diese Art von Gerede über die Juden erinnert mich an Europas schwärzeste Momente, und ich frage mich, wie es zu einem Rückfall in solche Sprachmuster kommen konnte. Ich versuche, mehr von dem Professor zu erfahren. Kaum aber habe ich ihm gesagt, dass ich aus New York komme, hütet er seine Zunge: "Es stimmt nicht, dass die Jobbik-Partei antisemitisch ist", bescheidet er mir.

Ich möchte diesen neuen Aufschwung des europäischen Antisemitismus verstehen, merke aber, dass mir dieser Pfarrer keine große Hilfe sein wird. Wohin soll ich mich wenden, um diesem Phänomen unmittelbar ins Auge zu blicken? Das nächste Mal, schwöre ich mir, kommt mir "New York" nicht über die Lippen.

Freunde aus den Staaten raten mir, in die Ukraine zu fahren. "Das sind echte Faschisten", lassen sie mich wissen. Ich überprüfe diese Behauptung mittels Google, dem Informationsgott unserer Zeit, und finde auch reichlich Material, das in diese Richtung weist. Ich beschließe, dem Rat meiner Freunde zu folgen und die Ukraine zu besuchen.

Nachdem ich mich auf einer hebräischen Website schlaugemacht habe, entscheide ich mich für Lwiw (Lemberg). Aus Lwiw, sagen die Experten im Netz, kamen die Kosaken. Was Kosaken sind, weiß ich; jedes jüdische Kind mit europäischem Erbe kennt die Kosaken. Die Kosaken, so lernten wir es als Kleinkinder, schlitzten jüdischen Müttern die Bäuche auf und steckten ihnen lebende Katzen in die Gebärmutter. Und die Kosaken, lerne ich im Netz, sind wieder da. Nicht alle bezeichneten sich selbst so, sagt das Netz. Einige nennen sich Banderas, andere ziehen es vor, als Nationalisten vom Rechten Sektor bekannt zu sein.

Ich bin ganz aufgeregt – das ist eine jüdische Krankheit, gebe ich zu – und sitze nur Minuten später in einem Zug der Russischen Eisenbahn, der von Budapest nach Lwiw fährt. Im Schlafwagenabteil lerne ich meinen Bettnachbarn für die Dauer dieser Fahrt kennen, einen Musikprofessor, der voller Aufregung vor einem Konzertauftritt seine Geige herausholt und zu spielen beginnt. Doch dann hört der Professor ohne ersichtlichen Grund auf zu spielen und beginnt zu reden. "Zum ersten Mal in den Geschichtsbüchern erwähnt wurde die ›Ukraine‹ im 9. oder 10. Jahrhundert – doch war dies damals nicht die offizielle Bezeichnung. Die Ukraine hieß ursprünglich Kiewer Rus", erklärt er mir. Ich bitte ihn, mir mehr zu erzählen, er aber entschuldigt sich: "Ich wurde in Lwiw geboren und hatte meinen Geschichtsunterricht bei sowjetischen Lehrern. In der Schule tischten sie uns viele Lügen auf, von denen sich manche in meinem Gehirn festgefressen haben. Bis heute bringe ich Daten und Namen durcheinander. Tut mir leid."

Er spricht leise, damit der Schaffner ihn nicht versteht. "Er ist Russe", flüstert er mir ins Ohr. Dieser ukrainische Musikprofessor, so viel ist klar, hat Angst vor einem russischen Zugschaffner. Ich frage mich, wovor er Angst hat. Glaubt er vielleicht, dass der Schaffner ein jüdischer Teufel ist? Ich versuche, seine Ansichten über die Juden aus ihm herauszukitzeln, nur für den Fall der Fälle, aber er hat keine Ahnung, wovon ich spreche.

Ich halte den Mund, und er widmet sich seiner Geige. Stundenlang starre ich nach draußen in die Dunkelheit, bis die Sonne aufgeht und eine Szenerie beleuchtet, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Ich sehe eine Landschaft aus Grün: Berg um Berg, Tal um Tal, vollständig in Grün gehüllt. Ein solches Landschaftsbild habe ich so noch nie gesehen. Bin ich im Himmel?, frage ich meinen Professor. "Nein", antwortet dieser. "Sie sind in den Karpaten." Ich möchte aus dem Zug springen und mich in diesem majestätischen Grün verlieren, erinnere mich aber daran, dass ich ja auf einer Mission bin, um Faschisten ins Auge zu sehen, nicht dem Grün der Berge.

Der Zug fährt weiter, bis er schließlich Lwiw erreicht. Wie jeder Weltreisende bezeugen kann, besteht meine erste Amtshandlung in Lwiw darin, Geld zu wechseln. Was in meinem Fall keine Kleinigkeit ist, weil Geldwechsler langnasige Juden sind, wie jeder bestätigen wird, der sich je mit dem Antisemitismus befasst hat. Zu meiner Überraschung aber handelt es sich bei der Geldwechslerin im Hauptbahnhof von Lwiw um eine junge Dame, die schöner ist als die Venus, eine wohlgeformte Nase hat und kein Wort Jiddisch oder Hebräisch spricht. Sie spricht Ukrainisch und Russisch und kann das Wort "Passport!" auf Englisch sagen. Ich gebe ihr meinen Pass, woraufhin sie alle möglichen Formulare ausfüllt. Und erst nachdem ich drei verschiedene Formulare unterschrieben habe, tauscht sie mir meine Euro in ukrainische Hrywnja um. Interessieren sich Faschisten für Formulare? Wer weiß.

Ist Putin schlecht?

Ich gehe zum Fremdenverkehrsbüro von Lwiw: Dort kennt man Lwiw, und ich möchte es kennenlernen. Eine junge Dame steht am Schalter. Sie ist, und ich entschuldige mich für die politische Unkorrektheit, mich öffentlich über weibliche Schönheit auszulassen, sogar noch schöner als die Geldwechslerin. Ich hätte nie gedacht, dass Kosaken so gut aussehen, aber ich weiß offensichtlich ja auch nichts über sie. Was halten Sie von Putin?, frage ich die Dame im Versuch, ein freundliches Gespräch mit ihr anzuknüpfen.

Sie schaut sich um, als wolle sie überprüfen, ob sie gefahrlos reden könne, doch fällt ihr Blick auf einen Touristen, der eine Karte studiert – anscheinend ein verdächtiger Anblick für sie. "Ich kann nicht sprechen", platzt es aus ihr heraus. Sie und der Musikprofessor, geht mir durch den Kopf, würden gut zusammenpassen.

Ich versuche trotzdem, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Stellen Sie sich vor, Präsident Putin wäre gerade in dieses Büro gekommen und wollte sich gerne mit Ihnen verabreden. Würden Sie mit ihm ausgehen? Diese reizende Dame hat zwei große Augen, die mich in diesem Augenblick ungläubig anstarren, ihre Lippen aber bewegen sich nicht. Sie händigt mir einige Stadtpläne aus, und ich versuche es mit unpolitischen Themen. Sie ist eine tolle Frau, und als sie meine himmlische Karpatengeschichte hört, kriegt sie schließlich doch den Mund auf und spricht mit ihrer Chefin, einer Frau namens Marta. Die beiden teilen mir mit, dass sie mich an einem schönen Ort dort unterbringen können, wenn ich es wirklich möchte. Möchte ich, aber nicht heute.

Ich verlasse das Fremdenverkehrsamt und suche nach einem Starbucks. Ich hoffe, die Faschisten von Lwiw servieren wandernden New Yorkern Starbucks-Kaffee. Entsetzlicherweise kann ich nicht einen Starbucks finden, dafür aber endlos viele Kaffeehäuser, die alle einheimischen Charakters zu sein scheinen. Der Kaffee in Lwiw kostet nur einen Bruchteil eines Starbucks-Kaffees in Amerika. Ich nippe an dem heißen schwarzen Wasser und mustere argwöhnisch all die Kosaken hier.

Ein kleiner Schluck. Gefolgt von noch einem. Und noch einem. Dann kaufe ich mir eine zweite Tasse. Und noch eine. Ich weiß nicht recht, wie ich das formulieren soll, aber ich habe gerade eine erstaunliche wissenschaftliche Entdeckung gemacht: Faschistischer Kaffee ist der beste Kaffee, den Menschen überhaupt kochen, ob sie nun Faschisten sind oder nicht.

Da taucht auf einmal die großäugige Dame auf. Auch sie will hier an einem Kaffee nippen. "Putin", sagt sie mir jetzt, "ist der schlimmste Mensch der Welt." Warum haben Sie das vorhin nicht gesagt? "Ich kann das im Büro nicht sagen", erwidert sie. Faschisten verfügen über eine Arbeitsethik, folgere ich blitzschnell.

Nachdem ich mich gestärkt habe, laufe ich durch die alten Straßen von Lwiw, wobei mir die raffinierten Street-Art-Malereien an vielen Mauern auffallen. Manche von ihnen zeigen einen Mann mit Hitlerbart neben einem Hakenkreuz. Damit hätte ich rechnen sollen, oder nicht? Schließlich ist das hier eine Kosakenstadt. Ich betrachte die Bilder näher und stelle fest, dass es sich bei dem Porträtierten um den abgesetzten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch handelt. Da schießt mir eine Frage durch den Kopf: Könnte es sein, dass das Hakenkreuz hier dazu dient, den Faschismus in einem schlechten Licht darzustellen?

"Salböl aus Jerusalem!", höre ich plötzlich eine Stimme rufen, fern von den Hakenkreuzbildern. Ich folge der Stimme, die aus Richtung der Marienstatue auf dem Adam-Mickiewicz-Platz zu hören ist. Ich sehe Reihen von Menschen und einen Priester, der ein Gebet abhält. Der Priester erzählt mir, dass "die Muttergottes 1917 im portugiesischen Fatima dazu aufforderte, für Frieden in Russland zu beten, damit Russland zu Gott zurückfinden möge".

Ist Putin schlecht?

Das möchte der Priester nicht beantworten. Erst möchte er wissen, wer ich bin. Im Jahr 2014 auf den Straßen von Lwiw über Putin zu sprechen, wird mir langsam klar, macht die Menschen nervös. Ich versichere ihm, dass ich kein Russe sei, auch nie einer werden wolle, und erst nachdem ich ihn davon überzeugt habe, sagt er mir, dass Putin ein Werk des Teufels sei. Ich ziehe weiter, werde aber bald von einer langen Prozession aufgehalten, an deren Spitze Priester und Nonnen mit Statuen der Heiligen Mutter und des Heiligen Sohnes marschieren. Man stolziert durch die Straßen von Lwiw und bittet Gott darum, Frieden in die Herzen der Russen einzupflanzen.

Ich umgehe die betende Menge und treibe mich in der Stadt herum, um irgendwo Faschisten zu entdecken. Aber alles, was ich herausfinde, ist dies: Lwiw besteht aus schönen Frauen, köstlichem Kaffee und paradierenden Gebeteaufsagern. Nicht gerade das, was ich mir unter Kosaken vorstelle.

Wie kommt es, dass so viele westliche Journalisten der Meinung sind, dieses Land sei voller Faschisten, ich aber mit nicht mehr aufwarten kann als schönen Frauen, köstlichem Kaffee und Massen von Menschen, die Angst vor den Russen haben? Ich gehe in einem der einheimischen Restaurants essen und bekomme dort mit, wie sich ein deutscher Journalist mit einer jungen Dame unterhält. Ich spitze die Ohren. "Englisch ist eine sehr einfache Sprache", bringt der Journalist ihr bei.

Ich mische mich ein, als ginge mich das irgendwas an, und spreche mit den beiden über dies und das, nichts Besonderes. Zwischendurch teilt mir die Dame mit, dass sie für eine deutsche Stiftung arbeitet. Die Bundesregierung, sagt sie, investiere Millionen in der Ukraine. "Wofür?" Sie hätte nichts dagegen, sich mit mir zusammenzusetzen und mir alles zu erklären, sei aber auf dem Weg nach Kiew, und wenn ich auch dorthin führe, könnten wir uns treffen.

"Separatisten haben einen russischen Akzent."

Kiew, da ist der berühmte Maidan – der Platz, auf dem die Revolte gegen Janukowitsch ausbrach. Mir kommt ein Gedanke: Da sind meine Faschisten. Ich nehme einen weiteren Zug, diesmal einen ukrainischen, und bin am nächsten Tag in Kiew.

Der elegante Platz und die angrenzenden Straßen sind übersät mit Zelten jeglicher Größe, ausgebrannten Militärfahrzeugen und voller Männer in Tarnanzügen. Soweit ich das feststellen kann, ist keiner von ihnen ein echter Soldat. Einige von ihnen tragen Baseballschläger für den Fall, dass sich "Separatisten" blicken lassen – die Leute, die die Ukraine oder Teile von ihr an Russland anschließen wollen.

Können Sie feststellen, wer ein Separatist ist?, frage ich einen der Männer.

"Ja."

Wie stellen Sie das fest?

"Separatisten haben einen russischen Akzent."

Ich gehe weiter zu einem Zelt, in dem ein paar ältere Ukrainer Kaffee trinken und nichts tun. "Woher sind Sie?", fragt mich einer von ihnen. Ich werde nichts von New York sagen, das hatte ich mir geschworen, und antworte also: "Aus Deutschland." Schlechte Wahl. Er hört "Deutschland" und stellt mich zur Rede: "Als Janukowitschs Regierung hier die Menschen tötete, war Janukowitsch bei Angela Merkel in Deutschland zum Kaffeetrinken."

Gehören Sie irgendeiner Partei an?

"Rechter Sektor. Wie alle meine Freunde hier."

Rechter Sektor. Das kommt mir doch bekannt vor. O ja, das hier sind die echten Kosaken! Ich bin glücklich wie ein Kind. Endlich habe ich meine Faschisten gefunden. Seltsamerweise aber sprechen diese Nationalisten – die den Medienberichten zufolge dagegen kämpfen, dass Russisch in der Ukraine eine Amtssprache wird – abwechselnd Russisch und Ukrainisch. Ich schaue sie mir näher an.

Ihre geschäftigsten Aktivitäten sind: Kaffee trinken, rauchen, küssen, und dann trinken sie da noch etwas anderes. Auch verkaufen sie interessante Dinge, beispielsweise Klopapierrollen, auf denen Janukowitsch abgebildet ist, der auf jedem einzelnen Blatt die Zunge herausstreckt. Ich schaue mich um und stelle fest, dass hier neben den Pseudosoldaten keine Staatsmacht zu sehen ist: keine Polizei, keine Armee; nur lustiges Toilettenpapier.

Ich gehe zu meinem Hotel, dem Chreschtschatyk gleich neben dem Gewerkschaftshaus, das in den Anfangstagen der Revolution in Brand gesetzt wurde. Auf dem verlassenen, rußgeschwärzten Gewerkschaftsgebäude sind kreisförmige rosa Farbflecke zu sehen, mein Hotel aber macht einen gepflegten Eindruck. Beim Betreten des Foyers kommt mir das Wort "Mafia" in den Sinn. Ich weiß nicht, warum, und sehe mich deshalb etwas genauer um. Auf der einen Seite der Eingangshalle befindet sich ein "Apple Store" mit einem überdimensionalen "authentischen" Apple-Logo. Hier kann man neben ähnlichen Geräten dezente Handy-Recorder kaufen, aber kein einziges Apple-Produkt. Auf der anderen Seite des Foyers befindet sich eine weiträumige Halle, die vollgepackt ist mit zwanzigjährigen Poker spielenden Männern und von kräftig gebautem Sicherheitspersonal bewacht wird. Auf mich machen die Pokerspieler den Eindruck von Oligarchensöhnen, die nichts Besseres zu tun haben. Und dann gibt es in diesem Hotel auch noch einen Nachtclub, in dem ich mir, wie ich höre, eine Prostituierte für tausend Dollar die Nacht besorgen könnte. Ist das Teil der Maidan-Revolution? Ich versuche, mich mit dem Besitzer des Hotels zu treffen, aber seine Mitarbeiter sagen mir, sein Name sei ein "Geschäftsgeheimnis".

Ich verlasse das Hotel und treffe mich mit einer jungen Ukrainerin, die für eine von Deutschland und der EU gesponserte ukrainische NGO arbeitet. Ziel der NGO-Leute ist es, die Ukrainer mit der "grünen Lebensweise" vertraut zu machen. Dieses Ziel wollen sie interessanterweise erreichen, indem sie das "Fahrradfahren in Kiew" einführen. Kiew soll wie Hamburg aussehen, glauben sie, und jeder sollte hier Rad fahren.

Ehrlich gesagt, bin ich nicht sicher, ob ich das verstehe. Im Unterschied zu Hamburg hat Kiew viele steile Straßen – hier fällt das Radfahren nicht eben leicht. Ganz zu schweigen von den enormen Kosten, die sich die Stadt damit einhandelt, wenn überall Radwege angelegt werden müssen – aber Deutschland und die EU haben das Geld, und sie wollen, dass die Bürger von Kiew Rad fahren.

Warum? Die einzige vernünftige Erklärung, die mir einfällt, ist folgende: Mächtige Europäer wollen eine neue menschliche Spezies erschaffen, einen europäischen Mann und eine europäische Frau, die gleich aussehen, das Gleiche denken, das Gleiche fühlen und das Gleiche essen. Diese neue Spezies wird die Umwelt anbeten, gesund sein, für die Schwulenehe eintreten, Palästina unterstützen, mit dem Rauchen aufhören, gegen den Klimawandel kämpfen und für immer radeln.

Ich lasse die Dame an dieser Überlegung teilhaben, die sie aber zu beleidigen scheint, da ich die guten Menschen aus dem Westen kritisiere, ihre Arbeitgeber. Ich gehe nicht weiter darauf ein, vor allem weil ich nicht von meiner Mission abgelenkt werden möchte: Finde die Faschisten.

Ich verabschiede mich von ihr und spaziere wieder auf dem Maidan und um den Maidan herum, wobei ich jedes menschliche Wesen anspreche, das über einen Mund und ein Augenpaar verfügt. Das Wort Jude jedoch kommt niemandem über die Lippen. Kriege ich hier irgendetwas nicht mit?

In der Ukraine beten sie alle in diesen Tagen

Um das herauszufinden, besuche ich das Zentrum der jüdischen Gemeinde in Kiew und spreche mit einem ihrer führenden Vertreter. Um sich vor "potenziellen ausländischen Elementen" zu schützen, so sagt er mir, ziehe er es vor, anonym zu bleiben: "Es ist eine Lüge, zu sagen, der Rechte Sektor sei antisemitisch. Die Antisemiten sind die Russen, die versuchen, Ukrainer dafür zu gewinnen, Juden zu verletzen, damit sie anschließend sagen können, die ›ukrainischen Faschisten‹ hätten schreckliche Dinge getan."

Wer sind die ausländischen Elemente, vor denen Sie sich fürchten?

"Die Russen." Russland, sagt er, könnte am Ende in die Ukraine einmarschieren und sich an ihm rächen, weil er das Land mir gegenüber kritisiert habe. Die Juden sind übrigens nicht die Einzigen, die sich nicht offiziell äußern wollen.

Beim Interview mit dem Vertreter einer deutschen Institution, die Kiew jährlich mit Mitteln in Millionenhöhe unterstützt, kippt die Stimmung, nachdem ich ihm eine einfache Frage stelle: Was wäre in Kiew heute anders, wenn es die Millionen deutscher Fördermittel nie gegeben hätte? "Diese Form der Befragung hat mit Journalismus nichts zu tun", blafft er mich an. "Für wen arbeiten Sie? Die Bild-Zeitung?"

Nicht alle Befragten verweigern eine offizielle Stellungnahme. Nathan Chazin – an den mich der Oberrabbiner der Ukraine vermittelt – ist eine solche Ausnahme. Als ich Nathan treffe, trägt er eine Uniform, keine der regulären Armee, sondern eine des Rechten Sektors. Das Abzeichen des Rechten Sektors ist halb schwarz und halb rot, und Nathan, der derzeit ein Bataillon des Rechten Sektors im Osten der Ukraine befehligt, hat es um einen Davidstern ergänzt. Vor einer Woche, erzählt er mir, wurde er von Separatisten im Osten gefangen genommen und bekam 24 Stunden lang nichts zu essen und zu trinken.

Wie sind Sie wieder freigekommen?

"Ich habe zu Gott gebetet. Er hat mich vor ihnen gerettet." In der Ukraine beten sie alle in diesen Tagen, wie ich sehe. Nathan aber betet nicht nur, er kämpft auch. Über seine Kämpfe im Osten sagt er: "Wir haben einen Bürgerkrieg, und in diesem Bürgerkrieg gibt es Hunderte von Spionen aus Russland, die diesen Krieg steuern. Wir haben gerade einige Separatisten gefangen genommen, die uns berichteten, wie sie ihre Befehle aus Moskau bekamen und von Moskau motiviert wurden."

Wie das?

"Die Russen zahlten ihnen Tausende von US-Dollar."

Nathan hat auch schon in Israel gelebt und in der israelischen Armee gedient, aber er liebt die Ukraine. "Die Ukrainer", erzählt er mir, "sind kultiviert, aber undiszipliniert. Es sind Menschen, die darauf warten, dass der Messias ihnen hilft und sie rettet, statt dass sie die Dinge selbst in die Hand nehmen und ihr Leben auf eigene Faust ändern. Sie warten immer auf jemanden, der die Arbeit für sie erledigt."

Sprechen wir über die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Wie kommt es, dass die ukrainischen Mädchen, denen ich bisher begegnet bin, so auffallend schön waren? "Das ist der Grund, warum ich hier bin", entgegnet er mit vor offensichtlichem Vergnügen erhobener Stimme.

Welches ist Ihre Nation, die Ukraine oder Israel? "Die Ukraine ist meine Heimat, nicht meine Nation. Ich bin jüdisch, leider ..."

Werden Sie eine jüdische Frau heiraten?

"Diesen Fehler habe ich schon hinter mir", sagt er und bricht in Gelächter aus. Nathan ist zurzeit geschieden, trifft sich aber mit einem "Haufen" ukrainischer Schönheiten.

Bei Einbruch des Abends gehe ich zur Hauptsynagoge, die bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Als Nathan die Synagoge betritt, eilen junge Juden herbei, um ihn zu begrüßen, offensichtlich stolz auf diesen Mann des Rechten Sektors. Draußen lerne ich in einem Park Oksana und Natally kennen, zwei Studentinnen. Ich zeige ihnen Nathans Bild und frage sie, ob sie ihn erkennen.

"Rechter Sektor", sagen beide.

Ich zeige auf den Davidstern und frage sie: Was bedeutet der Stern? "Ein sechszackiger Stern."

Wofür steht er? Oksana googelt, keine der beiden hat je vom Davidstern gehört. Meine Suche nach den fürchterlichen Kosakenfaschisten scheint im Sand zu verlaufen. Könnte es sein, dass der Rabbiner recht hat und die Geschichte des ukrainischen Faschismus nichts weiter ist als eine bösartige Erfindung von Putins Russland?

Über Straßen, die ausschließlich aus Schlaglöchern bestehen

Wie das Glück es will, bekomme ich Nachricht, dass Marta aus Lwiw in den Karpaten ein perfektes Hotel für mich gefunden hat, in dem ich das Wochenende verbringen kann. Großartig! In den Karpaten, das weiß ich nun wirklich, findet selbst ein Blinder mit Krückstock Faschisten. Fröhlich besteige ich einen Zug in diese neue Richtung und steige am Bahnhof von Slawsko aus, wo mich, wie mir versichert wurde, ein Mitarbeiter des Hotels abholen soll.

Und da ist er ja schon. Oder genauer gesagt sind da drei Männer, die mich begrüßen: ein überaus gut aussehender Mann in einer roten Jacke, ein raubeiniger Soldat mit einem Mordsgewehr sowie ein Dolmetscher. Sie sind Banderas, wie sich bald herausstellt, benannt nach dem legendären ukrainischen Faschisten Stepan Bandera.

Offensichtlich meint es der Himmel gut mit mir: Ich bin mit echten Faschisten zusammen! Und diese Faschisten, seien wir ehrlich, sehen tausendmal besser aus als Professor Dr. Balla aus Budapest.

Ich schaue mir den rot gekleideten Mann, der der Anführer der Gruppe zu sein scheint, etwas genauer an und frage ihn: Sind Sie ein Oligarch?

Er bückt sich, hält seine Hand knapp über den Boden und sagt: "Kleiner Oligarch."

Wir machen uns auf den Weg zu unserem Wagen. Oder genauer formuliert: Transporter. Nein, auch das trifft es nicht ganz. Man braucht eine regelrechte militärische Grundausbildung, um in dieses tarnfarbene Ungetüm zu klettern. Es handelt sich allem Anschein nach um ein Militärfahrzeug. Was für ein Gefährt ist das?, frage ich sie.

"Ein Nato-Panzerwagen", lautet die Antwort. Ich muss lachen. Recht und Ordnung gibt es vielleicht nicht in der Ukraine, aber die "Nato" ist hier. Diese Leute haben Sinn für Humor.

Es ist nun, wie in jeder wohlgeordneten Gesellschaft, an der Zeit, dass wir uns richtig miteinander bekannt machen. Im Banderas/Rechter-Sektor-Stil, natürlich. Ich muss sagen, "Slawa Ukraini" (was so ungefähr "gerühmt sei die Ukraine" bedeutet), worauf sie mit "Gerojam slawa" antworten ("gerühmt seien die Helden"). Gefällt mir!

Nachdem wir diese Zeremonie absolviert haben, fährt der Nato-Panzerwagen über Karpatenstraßen, die meisterliche Fahrkünste verlangen. Die Landschaft ist, wie ich sie vom Zugfenster aus gesehen habe, ein grünes Paradies, die Straßen aber sind ein anderes Thema. So etwas habe ich noch nie gesehen: Straßen, die ausschließlich aus Schlaglöchern bestehen.

Moment mal. Warum investieren Deutschland und die EU, die dem "Grünen" zuliebe immense Summen für Fahrräder in Kiew ausgeben, nicht hier ein paar Cent? Grüner wird es nicht mehr, warum sind sie nicht hier? Ich würde diese Frage gerne stellen, behalte sie aber lieber für mich. Ich brauche keinen waffentragenden Ukrainer, der mich beschuldigt, für die Bild-Zeitung zu schreiben.

Während der Fahrt kommen wir endlich dazu, uns persönlich miteinander bekannt zu machen. Der Rotgekleidete stellt sich mir vor. Er heißt Wolodimir und ist der Inhaber des Hotels Wescha Wedmescha in Wolosjanka in der Nähe von Slawsko. Sergij, ein Freund von Wolodimir, fungiert heute als Dolmetscher. Und dann haben wir noch den Soldaten.

Nach einer einzigartigen Schlaglochtour kommen wir am Hotel an. Wobei Burg es besser träfe. Stolz erbaut von Wolodimir, dem Besitzer eines Nato-Panzerwagens. Ich gehe auf mein Zimmer, das in Wirklichkeit eine Suite mit mehreren Ebenen ist, und gewinne den Eindruck, dass dieses Hotel höchstwahrscheinlich für russische Oligarchen errichtet wurde. Vielleicht kommt der Besitzer meines Kiewer Hotels im Urlaub hierher. Ich bin noch dabei, meinen vielzimmerigen Aufenthaltsort zu inspizieren, als Wolodimir mich informiert, dass es Zeit sei, aktiv zu werden. Aktiv werden womit?, frage ich. Tja, wie wäre es damit, ein wenig mit netten Gewehren zu schießen? Wir gehen zu Wolodimirs Schießstand, der mit den Fahnen der Ukraine und des Rechten Sektors geschmückt ist. Ich bekomme eine hübsche Uniform, Gewehre, haufenweise Munition – und ich schieße. "Putin!", brülle ich, und meine Kugel landet in der Neun – beinahe ein Volltreffer.

Ich habe den ganzen langen Weg in dieses Land gemacht, um verrückte Faschisten zu finden, und sehe mich plötzlich selbst in der Aufmachung eines zeitgenössischen Kosaken Kugeln abfeuern. Das ist surreal.

Die vermeintlich schrecklichen ukrainischen Kosaken sind äußerst reizend

Sergij, der Dolmetscher, erzählt mir, dass er Jude ist. Und Wolodimir?, frage ich ihn. "Wolodimirs Urgroßvater war jüdisch", antwortet er. Wolodimir ist darüber hinaus ein gläubiger Christ und wird in ein paar Minuten, wie er mir mitteilt, in die Kirche gehen. Ich frage ihn, ob ich mich anschließen kann. Ein Kosake wie ich sollte in ständigem Kontakt mit der Heiligen Mutter und ihrem Heiligen Sohn stehen.

Wolodimir kommt meinem Wunsch gerne nach. Zur Kirche fahren wir in einem russischen UAZ-Transporter, den er abwechselnd als "russischen Mercedes" und "Patrioten" bezeichnet.

Sagt mal, frage ich die Jungs, wann wurden diese Straßen zuletzt saniert, vor Stalin oder danach? Keiner weiß es.

Wir kommen bei der Kirche an. Am Eingang begrüßen uns die Worte "Freiheit oder Tod", dazu eine große Flagge des Rechten Sektors. In der Kirche stehen die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der anderen, was mich an eine beliebige orthodoxe Synagoge in New York erinnert, und singen und beten, beten und singen, nur halt in einer Sprache, die weder Hebräisch noch Jiddisch ist.

Nach dem Ende des Gottesdienstes kommen einige Kirchgänger auf Wolodimir zu und bitten ihn um Hilfe gegen Fremde, die die Gegend heimsuchen und hier für ihr Holzgeschäft illegal Bäume fällen. Zwar gibt es eine staatliche Behörde namens "Lwiw Wald", die gegründet wurde, um den Diebstahl von Bäumen aus den Wäldern zu unterbinden. Das Problem ist nur, dass genau diese Behörde, die sich zufälligerweise aus Schmiergeldkassierern zusammensetzt, die Diebe beschützt und nicht die Bäume.

Wolodimir hört sich die Klagen der Gottesdienstbesucher mit gequältem Gesichtsausdruck an. Er liebt sie und möchte ihnen helfen, aber wie bekämpft man eine korrupte Regierung? Vielleicht ist das der Grund, warum er seinen Nato-Panzerwagen besitzt.

Hier haben wir eine alte Dame und ihre noch ältere Mama, denen Wolodimir eine hübsche, mit einem Kreuz geschmückte Flasche alkoholischen Inhalts sowie eine Schachtel Pralinen schenkt. Ich mag diesen Wolodimir.

Und das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Möchten Sie sehen, wie die Menschen hier leben?, fragt Wolodimir mich. Liebend gerne, antworte ich.

Mit dem russischen Mercedes fahren wir zu einem schlichten Haus unter den Bäumen, in dem uns Olyschka zum Mittagessen einlädt. Und was für einem! Ihre Familie, erfahre ich, lebt von dem Land und den Tieren, die hier umherstreifen. Sie haben Kühe, Schweine, Hühner sowie ein Feld, auf dem sie Obst und Gemüse anbauen. Ob ich eine Tasse frische Milch möchte?, werde ich gefragt. Frische Milch heißt nicht pasteurisierte Milch, die von Olyschka direkt vom "Hersteller", ihrer Kuh, in eine Tasse gegossen wird. Ach du guter Gott, was für ein Geschmack! Naturmilch – was ich gar nicht wusste – ist von Natur aus süß. Und ihr Geschmack? Himmlisch. Olyschka gibt mir auch Sauerrahm. Aber Moment. Dieser Sauerrahm ist alles andere als sauer. Er ist vielmehr süßer als jedes Eis, das ich je probiert habe, und schmeckt tausendmal besser. Dann dämmert es mir zwischen einem Schluck Milch und einem Schleck Sahne. Diese reizenden Menschen sind vermutlich die schrecklichen ukrainischen Kosaken. Ich starre in einen Spiegel und sehe mich in meiner neuen Uniform, und ich weiß: Ich bin, wer hätte das gedacht, der Oberschreckenskosake.

Ich weiß nicht, ob ich dem arroganten Westen ins Gesicht lachen oder vor dem Bild dieser wunderbaren Ukrainer weinen sollte. Die Einfachheit ihrer Liebe und ihrer Gebefreudigkeit hat etwas Herzerfrischendes. Vielleicht ist das die Schönheit, die mich in den Gesichtern der ukrainischen Frauen so anspricht, und vielleicht ist es das, was der Westen und Russland auslöschen wollen.

Von Russland vergewaltigt, von den Fahrradwegeanlegern des Westens der Lächerlichkeit preisgegeben, können die Ukrainer nirgendwo anders hin als zur Heiligen Mutter und ihrem Sohn. Macht sie das zu Faschisten?

Am nächsten Morgen bringt mich Wolodimir zum Bahnhof. "Slawa Ukraini", sagt er zu mir, als ich in den Zug steige. "Gerojam slawa", erwidere ich. Der Schaffner, offensichtlich ein Putin-Anhänger, fährt mich lauthals an. "Adolf Hitler!", nennt er mich und, als Zugabe: "Jude!" Wer hat behauptet, es gäbe in der Ukraine keine Rassisten?

Wieder in Ungarn, sehe ich mir eine Demonstration rund um das umstrittene Denkmal an. Etwa vierzig Mitglieder einer Spezialeinheit der Polizei sind im Einsatz, ausgerüstet mit Pistolen und Videokameras, und machen Fotos von den Demonstranten, manchmal in Nahaufnahme – etwa von Professor Gabriella Hima, einer Regierungsgegnerin. "Jetzt bin ich erledigt", sagt sie mir, sichtlich erschüttert.

Hier gibt es Faschisten, echte Faschisten, und sie sind stolze Mitglieder der EU.

Aus dem Englischen von MICHAEL ADRIAN